Ein Investor, 2.000 geplante Wohnungen – und eine Amphibie, die alles stoppt: Der Streit um das Berliner Großprojekt „Pankower Tor“ zeigt, wie absurd und lähmend die deutsche Bürokratie geworden ist.
Eigentlich könnte es ein Vorzeigeprojekt werden: Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs im Norden Berlins sollen 2.000 Wohnungen, Schulen, Kitas, ein Seniorenzentrum, Büros und ein Möbelhaus entstehen. Doch seit 15 Jahren steckt das Projekt fest – wegen der Kreuzkröte, einer geschützten Amphibie, die sich auf dem Brachgelände angesiedelt hat.
Investor Kurt Krieger, Gründer der Möbelketten Höffner und Kraft, hat über eine Milliarde Euro für das Projekt eingeplant – inklusive Infrastruktur, Naturschutz und Denkmalschutz. Doch Umweltschützer, Gerichte und Behörden legen das Projekt immer wieder lahm. „Wir haben 15 Jahre geliefert. Jetzt können wir nicht mehr viel bewegen“, sagt Krieger.
Der Unternehmer bot an, die Tiere auf ein eigens angelegtes Areal innerhalb Berlins umzusiedeln – inklusive künstlicher Teiche, Sandhügel und Winterlager. Kostenpunkt: bis zu 30 Millionen Euro. Doch der Naturschutzbund (Nabu) verweigert seine Zustimmung – diesmal wegen angeblicher Konflikte mit Zauneidechsen, die auf der Fläche leben könnten.
„Kreuzkröte verdrängt Kleingärtner – das geht. Kreuzkröte verdrängt Zauneidechse – das geht nicht“, kommentiert ein Projektbeteiligter sarkastisch. Der Nabu argumentiert: Die Habitatansprüche beider Arten ließen sich auf dem Gelände nicht vereinbaren.
Zuvor hatte Krieger bereits 54 Millionen Euro für ein Ersatzgrundstück gezahlt und den Abriss alter Lokschuppen geplant – gestoppt vom Denkmalschutz. Als nächstes traf es die Kleingärtner, deren Parzellen weichen mussten, um Platz für den Krötenpark zu schaffen. Nun ist auch das Ersatzbiotop blockiert.
Während in Berlin tausende Wohnungen fehlen, verliert sich das Projekt in endlosen Genehmigungsschleifen. Der Berliner Architekt Tobias Nöfer, der den Wettbewerb gewann, beschreibt das Verfahren als „kafkaesk“:
„Wir haben monatelang allein über den Verlauf einer Straßenbahnstrecke verhandelt – zeitweise saßen 35 Personen in der Arbeitsgruppe. Jeder hatte etwas zu sagen.“
Nach seiner Einschätzung wird der Baustart frühestens 2030 erfolgen – wenn überhaupt.
Selbst Vertreter der Berliner Verwaltung schlagen inzwischen Alarm. Grünen-Stadtrat Cornelius Bechtler spricht offen von einer „Krise der Demokratie“:
„Die Menschen sagen: Ihr müsst auch mal liefern. Wir stellen 5,5 Hektar für Kröten bereit, während 4.000 Menschen auf Wohnungen warten.“
Auch CDU-Stadträtin Manuela Anders-Granitzki fordert ein Umdenken: „Naturschutzrecht ist kein Bauverhinderungsrecht.“
Beide sehen den Kern des Problems in überregulierten EU- und Bundesgesetzen. Deutschland habe die europäischen Vorgaben übererfüllt – und so ein System geschaffen, in dem Artenschutz über Bauinteresse steht, selbst wenn Ersatzmaßnahmen längst geplant sind.
Neben der Kreuzkröte blockiert inzwischen auch der Bau eines Regenwasserkanals das Projekt. Selbst dafür klagt der Nabu – mit der Begründung, die Arbeiten könnten das Habitat der Kröte beeinträchtigen. Der Umbau könne „erst bei Vorliegen der rechtlichen Voraussetzungen“ erfolgen, so die Berliner Wasserbetriebe. Wann das sein wird, weiß niemand.
Investor Krieger bleibt dabei: Ohne Möbelmarkt kein Stadtteil. Doch während Behörden prüfen, Umweltverbände klagen und Bäume weiter wachsen, droht das Projekt stillzusterben – ironischerweise auch zum Nachteil der Kreuzkröte, die auf offenen Flächen lebt und in bewaldeten Arealen kaum überlebt.




