Der Krankenstand in Deutschland hat sich zu einem volkswirtschaftlichen Problem von erheblichem Ausmaß entwickelt. Nach einer aktuellen Studie des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA) kosten krankheitsbedingte Arbeitsausfälle die deutsche Wirtschaft inzwischen rund 40 Milliarden Euro pro Jahr. Vier Jahre in Folge liegt der Krankenstand deutlich über dem langjährigen Durchschnitt – mit spürbaren Folgen für Produktivität, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.
Im Jahr 2025 lag der Krankenstand bei durchschnittlich 5,7 Prozent und damit rund zwei Prozentpunkte über dem Mittelwert der Jahre 2003 bis 2019. VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen beziffert den daraus resultierenden Wertschöpfungsverlust auf bis zu ein Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Selbst konservativ gerechnet summieren sich die Einbußen der vergangenen vier Jahre auf bis zu 160 Milliarden Euro – ein Volumen, das dem jährlichen Bruttoinlandsprodukt einer mittelgroßen europäischen Volkswirtschaft entspricht.
In Arbeitskräfte umgerechnet bedeutet dies: Die deutsche Wirtschaft verzichtet dauerhaft auf die Leistung von rund 300.000 Vollzeitbeschäftigten. In einer Phase demografisch bedingter Fachkräfteknappheit verschärft dies den strukturellen Druck auf Unternehmen und öffentliche Haushalte gleichermaßen.
Die politische Debatte über Arbeitsmoral und mögliche Fehlanreize durch die telefonische Krankschreibung greift nach Einschätzung der Studienautoren zu kurz. Zwar steht die seit der Pandemie etablierte Möglichkeit, sich telefonisch arbeitsunfähig schreiben zu lassen, politisch unter Beschuss. Doch der sprunghafte Anstieg des Krankenstands ab 2022 lässt sich vor allem medizinisch erklären.
Atemwegserkrankungen wie Grippe, Covid-19 und RSV hätten in den vergangenen Jahren ungewöhnlich starke Wellen ausgelöst. Gleichzeitig sei die Zahl der Arztbesuche seit 2022 dauerhaft erhöht – ein Indiz dafür, dass es sich nicht primär um statistische Effekte oder Missbrauch, sondern um real höhere Krankheitslast handele.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung überprüfen zu wollen. Im Koalitionsvertrag sei vereinbart, Missbrauch auszuschließen. Kanzler Friedrich Merz hatte zuvor den hohen Krankenstand offen kritisiert und auf durchschnittlich 14,5 Krankentage pro Arbeitnehmer und Jahr verwiesen.
Die SPD lehnt eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung bislang ab und warnt vor zusätzlichen Hürden für erkrankte Beschäftigte. Der Konflikt berührt damit einen sensiblen Punkt zwischen Arbeitsmarkt, Gesundheitsschutz und Produktivitätszielen.
Der VFA plädiert weniger für Restriktionen als für Prävention. Breitere Impfkampagnen, insbesondere gegen Grippe, sowie eine bessere gesundheitliche Vorsorge könnten helfen, die Ausfallzeiten strukturell zu senken. In einem Umfeld schwachen Wachstums wirkten krankheitsbedingte Produktionsausfälle besonders dämpfend auf die Konjunktur, so Michelsen.
Der anhaltend hohe Krankenstand ist kein Randthema der Sozialpolitik, sondern ein ernstzunehmender Standortfaktor. Wenn der Arbeitskräftepool schrumpft und gleichzeitig Millionen Arbeitstage verloren gehen, wird Gesundheit zur ökonomischen Schlüsselfrage. Die Debatte um telefonische Krankschreibungen ist dabei nur ein Teil eines größeren Problems: der Frage, wie eine alternde Volkswirtschaft ihre Leistungsfähigkeit unter steigender Krankheitslast sichern kann.



