Über Jahre galten passive ETFs als unangefochtener Goldstandard der Geldanlage: kostengünstig, transparent, breit diversifiziert. Doch unter der Oberfläche der scheinbar statischen Indexwelt vollzieht sich eine stille Revolution. Eine neue Generation aktiv gemanagter ETFs gewinnt rasant an Bedeutung, die Grenzen zwischen aktiv und passiv verschwimmen – und mit ihnen ein zentrales Dogma der modernen Kapitalanlage. Die Frage lautet nicht mehr, ob aktive Strategien zurückkehren, sondern in welcher Form sie den ETF-Markt strukturell verändern.
Was ist heute überhaupt noch ein „echter“ ETF? Lange war die Antwort eindeutig: Ein Fonds, der einen Index möglichst exakt repliziert. Doch diese Definition wirkt zunehmend antiquiert. Wie Morningstar in einer Analyse vom November 2025 feststellt, ist die klassische Dichotomie zwischen aktiv und passiv analytisch kaum noch haltbar. Viele Indexfonds treffen implizit aktive Entscheidungen – etwa bei Faktor-Gewichtungen, Rebalancing-Methoden oder ESG-Filtern. Umgekehrt nähern sich manche aktive ETFs in ihrer Struktur stark dem Marktportfolio an.
Das Ergebnis ist eine Grauzone aus regelbasierten Strategien, Smart-Beta-Ansätzen und semi-aktiven Modellen, die weder dem traditionellen Fondsmanagement noch der reinen Indexnachbildung eindeutig zuzuordnen sind.
Die Zahlen belegen die Dynamik. In den USA waren 2025 bereits rund 85 Prozent aller neu aufgelegten ETFs aktiv verwaltet. Zwar fließt der Großteil des verwalteten Vermögens weiterhin in passive Produkte, doch das Wachstum liegt klar bei den aktiven Strategien. Weltweit ist inzwischen mehr als eine Billion US-Dollar in aktiven ETFs investiert. In Europa summiert sich das Volumen laut Morningstar auf über 60 Milliarden Euro – Tendenz stark steigend.
Auch in Großbritannien etabliert sich das Segment: An der Londoner Börse sind mittlerweile rund 250 aktive ETFs notiert. Die Gebühren liegen mit 0,2 bis knapp 0,9 Prozent deutlich über klassischen Indexfonds, bleiben aber unter den Kosten traditioneller Publikumsfonds. Für Anbieter entsteht damit ein attraktiver Mittelweg zwischen Skalierbarkeit und Marge.
Der Vormarsch aktiver ETFs ist kein Zufall, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Im klassischen Indexgeschäft sind die Margen durch jahrelangen Preiswettbewerb auf ein Minimum geschrumpft. Für große Anbieter wie BlackRock, Vanguard oder State Street wird Differenzierung zur Überlebensfrage. Aktive Strategien erlauben nicht nur höhere Gebühren, sondern auch eine klarere Positionierung über Investmentphilosophie, Risikomanagement und thematische Schwerpunkte.
Gleichzeitig lassen sich aktive Konzepte im ETF-Mantel effizient vertreiben: intraday handelbar, steuerlich optimiert, mit globaler Reichweite. Das traditionelle Argument, aktives Management sei zwangsläufig teuer und intransparent, verliert an Schlagkraft.
Ein weiterer Beschleuniger kommt von der Regulierung. Die US-Börsenaufsicht SEC hat 2025 den Weg für ETF-Anteilsklassen innerhalb klassischer Investmentfonds geebnet. Vermögensverwalter können damit ein und dieselbe Strategie sowohl als traditionellen Fonds als auch als ETF-Struktur anbieten – mit den steuerlichen Vorteilen des ETF-Mechanismus für alle Anleger.
Diese Öffnung könnte den Markt grundlegend verändern. Wenn aktive Fonds dieselbe steuerliche Effizienz wie ETFs erreichen und gleichzeitig ihre Kosten senken, verlieren passive Produkte einen ihrer wichtigsten strukturellen Vorteile. Der Wettbewerb verlagert sich von der Kostenebene hin zur Qualität des Investmentprozesses.
Für Investoren wächst die Komplexität – und die Auswahl. Neben klassischen Index-Trackern stehen nun:
Die alte Faustregel „passiv für die Basis, aktiv für die Wette“ bleibt zwar valide, wird aber differenzierter. Passive Kerninvestments wie MSCI World oder S&P 500 behalten ihre Rolle als Fundament langfristiger Portfolios. Doch rund um dieses Fundament entsteht ein Ökosystem aktiver Bausteine, das gezielt Renditequellen, Risikoprämien oder Marktineffizienzen adressiert.
Passive ETFs haben nicht ausgedient. Doch ihr Monopol als alternativloses Standardinstrument bröckelt. Der ETF-Markt entwickelt sich von einer reinen Index-Industrie zu einer Plattform für unterschiedlichste Investmentstile. Aktiv und passiv sind keine Gegensätze mehr, sondern Endpunkte eines Kontinuums.
Für Anleger und institutionelle Investoren gleichermaßen gilt: Die entscheidende Frage lautet künftig weniger „Index oder Manager?“, sondern „Welche Strategie, welche Systematik, welches Risikoprofil?“ In dieser neuen Ordnung wird nicht das Etikett über Erfolg entscheiden – sondern die Substanz des Investmentprozesses.



