Trotz wachsender Atomkraft-Nachfrage bleibt der Uranpreis schwach – Investoren wittern strategische Einstiegschancen im Rohstoffsektor.
Der Preis für Uran liegt derzeit rund ein Drittel unter dem Vorjahresniveau – trotz eines globalen Booms bei der Atomkraft. Auf dem Spotmarkt wird das Pfund aktuell für knapp über 60 US-Dollar gehandelt, während die Internationale Energieagentur (IEA) für 2025 mit einem historischen Hoch bei der Stromproduktion aus Kernkraft rechnet. Parallel steigen die Investitionen in neue Reaktoren: 63 Anlagen sind im Bau, die weltweiten Kapazitäten sollen sich laut IEA bis 2050 verdreifachen.
Die Diskrepanz zwischen Fundamentaldaten und Marktpreis ist auffällig. Laut Christian Schärer vom Vermögensverwalter Incrementum liegt der jährliche Uranbedarf derzeit bei rund 195 Millionen Pfund – die Produktion aber nur bei 155 bis 160 Millionen Pfund. Das prognostizierte Defizit für 2025: bis zu 35 Millionen Pfund. Dennoch halten sich Energieversorger mit Käufen zurück, insbesondere auf dem Spotmarkt. Langfristige Lieferverträge wurden im ersten Quartal nur im Volumen von 21 Millionen Pfund abgeschlossen – ein historisch niedriges Niveau.
Die Kaufzurückhaltung hat mehrere Gründe. Zum einen herrscht Unsicherheit über die energiepolitische Ausrichtung der USA nach dem Aus für den Green New Deal. Zum anderen könnte ein mögliches Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine die aktuellen Engpässe bei angereichertem Uran lösen – und den Preis für unverarbeitetes Material wieder drücken. Russland hat bislang einen dominanten Marktanteil von 40 Prozent bei der Brennstoffproduktion.
Hinzu kommen belastende US-Zölle und ein fragmentierter Regulierungsrahmen. „Die Marktteilnehmer sind in einer Art Schockstarre“, sagt John Ciampaglia vom Sprott Physical Uranium Trust. Hedgefonds nutzen die Preisschwäche: Bei australischen Uranproduzenten wurden teils bis zu 25 Prozent der Aktien leerverkauft. Selbst Marktführer Cameco liegt 14 Prozent unter Vorjahresniveau, Kazatomprom aus Kasachstan verlor sogar 21 Prozent.
Dabei liegt der Break-even für neue Produktionsprojekte bei rund 80 US-Dollar pro Pfund. Die Preise in langfristigen Verträgen übersteigen zwar diese Marke, doch Investoren fokussieren sich kurzfristig auf die Spotpreise – was Aktienbewertungen drückt, obwohl der strukturelle Aufwärtstrend im Markt intakt bleibt.
Die Nachfrage treibt nicht nur die globale Energiewende, sondern zunehmend auch technologische Entwicklungen. Neue Rechenzentren für Künstliche Intelligenz benötigen verlässliche, CO₂-arme Energiequellen – ein Markt, den Urananbieter zunehmend adressieren. „Erneuerbare reichen für die Energieintensität von KI nicht aus“, sagt Adam Rozencwajg vom Rohstoffverwalter Goehring & Rozencwajg. „Uran ist die einzige skalierbare Lösung.“
Länder wie Japan, China, Indien und Südkorea fahren Reaktoren hoch oder bauen neue. Auch Europa investiert wieder. „Atomkraft erfährt zunehmende Akzeptanz“, sagt Nitesh Shah von WisdomTree, der jüngst einen ETF für Uran- und Nuklearunternehmen aufgelegt hat. Und wer einsteigt, solange der Markt noch zögert, könnte vom Wendepunkt profitieren.



