Die Weltbank fördert erstmals seit 1959 wieder Atomprojekte – als Reaktion auf Klimadruck und Strombedarfsexplosion.
Nach mehr als sechs Jahrzehnten kehrt die Weltbank in den Nuklearsektor zurück. Künftig will die multilaterale Entwicklungsbank wieder Projekte im Bereich Kernenergie unterstützen – zunächst durch Lebenszeitverlängerungen bestehender Reaktoren sowie durch Infrastrukturmaßnahmen wie Netzausbau. Das kündigte Weltbank-Präsident Ajay Banga am Mittwoch in einer internen Mitteilung an. Die Rückkehr erfolgt in Partnerschaft mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), der UN-Behörde zur Überwachung nuklearer Sicherheit und Nichtverbreitung.
Der Schritt markiert einen grundlegenden Kurswechsel und dürfte weitreichende Konsequenzen für die globale Energiewende haben. Vor allem in Schwellenländern mit wachsendem Strombedarf gilt Kernenergie als stabiler und CO₂-freier Grundlastträger. Banga begründet den Kurswechsel mit der Notwendigkeit, die Verdopplung des Strombedarfs in Entwicklungsländern bis 2035 zu bewältigen. Um diese Nachfrage zu decken, müsse der jährliche Investitionsbedarf in Erzeugung, Netze und Speicher von derzeit 280 Mrd. US-Dollar auf 630 Mrd. steigen.
Kernenergieprojekte seien ohne kostengünstige Finanzierung durch Institutionen wie die Weltbank kaum realisierbar, heißt es in Branchenkreisen. Der Schritt könnte auch die Asian Development Bank und andere multilaterale Geldgeber zum Umdenken bewegen. Hintergrund ist die Wettbewerbsfähigkeit westlicher Anbieter: Während Russland mit Rosatom und China mit staatlich geförderten Nuklearprojekten weltweit expandieren, fehlte es US- und EU-Firmen bislang an gleichwertigem Finanzierungszugang.
Der Richtungswechsel der Weltbank folgt einer erfolgreichen Lobbykampagne westlicher Kernkraftbefürworter – darunter die USA und Frankreich – und dem politischen Kurswechsel in Berlin. Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hatte zuletzt signalisiert, die jahrzehntelange Blockadehaltung gegen Nuklearprojekte aufzugeben. Frankreichs Anliegen, Kernenergie in der EU künftig gleichberechtigt mit erneuerbaren Energien zu behandeln, wird nun nicht mehr blockiert.
Erstmals seit 1959 könnte die Weltbank somit wieder nukleare Projekte finanzieren. Dabei fokussiert sie sich laut Banga auch auf Small Modular Reactors (SMRs), die als skalierbare und potenziell kostengünstigere Option gelten – insbesondere für Regionen mit schwacher Netzinfrastruktur.
Der Strategiewechsel fällt zudem in eine Zeit, in der KI-Technologien den Strombedarf global stark erhöhen. Gleichzeitig setzen Regierungen angesichts der Klimakrise auf CO₂-arme Grundlastlösungen. Mehr als 30 Staaten hatten sich im Rahmen der UN-Klimakonferenz COP28 in Dubai im vergangenen Jahr verpflichtet, die globale Atomstromkapazität bis 2050 zu verdreifachen.
Banga betonte, dass private Investitionen unerlässlich seien, aber Unterstützung durch die Weltbank benötigten – etwa in Form von Garantien oder Eigenkapitalinstrumenten. Die Bank wolle zudem auch weiterhin Solar-, Wind-, Wasserstoff-, Geothermie- sowie Gaskraftwerke fördern, sofern diese den Ausbau der Erneuerbaren nicht behinderten.




