Trotz schwacher Konsumausgaben und geopolitischer Risiken steigt der S&P 500 dank relativer Stabilität auf Rekordniveau.
Trotz anhaltender geopolitischer Spannungen und rückläufiger Konsumausgaben erklomm der S&P 500 am Freitag ein neues Rekordhoch. Die überraschende Entwicklung an den US-Börsen spiegelt weniger ökonomischen Optimismus als vielmehr Erleichterung darüber wider, dass befürchtete Extremrisiken bislang ausgeblieben sind.
Die Aktienmärkte hatten noch im April heftig reagiert: Der S&P 500 verlor binnen weniger Wochen rund 19 % gegenüber dem Februarhoch. Auslöser war die Angst, Präsident Trumps angedrohte Zölle von bis zu 145 % auf chinesische Waren und 50 % auf Importe anderer Handelspartner könnten Inflation und Zinsen in die Höhe treiben und die US-Wirtschaft in eine Rezession zwingen.
Doch seither ist vieles moderater verlaufen: Die tatsächlichen Zölle fielen niedriger aus, und auch die Folgen des Nahostkonflikts auf die Energiepreise blieben vorerst begrenzt. Zwar liegt der durchschnittliche US-Zollsatz inzwischen bei 18,8 % – so hoch wie seit den 1930er-Jahren nicht mehr –, doch Inflation und Konsumverhalten zeigen bislang keine dramatischen Verwerfungen. Die Teuerung auf Basis der PCE-Inflation liegt derzeit bei 2,3 %.
Gleichzeitig hat sich die geldpolitische Rhetorik entspannt. Fed-Chef Jerome Powell betonte zuletzt, es gebe bislang kaum Hinweise darauf, dass die Zollpolitik die Inflation spürbar anheizt. Einige Notenbanker halten daher eine Zinssenkung bereits im kommenden Monat für denkbar – was die Renditen gedrückt und die Aktienmärkte gestützt hat.
Während die Märkte wieder Vertrauen fassen, sendet die Realwirtschaft gemischte Signale. Das US-BIP dürfte laut S&P Global im ersten Halbjahr 2025 nur noch um 0,8 % wachsen – nach 2,5 % im Vorjahr. Der Konsum schwächelt deutlich: Die inflationsbereinigten Ausgaben gingen im Mai um 0,3 % zurück, insbesondere in sensiblen Bereichen wie Flugreisen und Hotels. Analysten erwarten für Konsumgüterunternehmen im S&P 500 einen Gewinnrückgang von 5,1 % im zweiten Quartal.
Auch das politische Risiko bleibt virulent. Die Trump-Regierung hat die Gespräche mit Kanada wegen der Digitalsteuer abgebrochen, neue Zölle wurden für Juli angekündigt. Weitere Handelskonflikte, etwa über Halbleiter und Pharmaimporte, sind in Vorbereitung. Gleichzeitig bleibt das Gesetzespaket der Republikaner zu Steuern und Staatsausgaben ein Unsicherheitsfaktor, auch wenn es mittlerweile als „normaler“ Bestandteil des politischen Prozesses gewertet wird.
Letztlich ist es diese relative Normalisierung der wirtschaftspolitischen Lage – weg von willkürlichen Exekutivmaßnahmen, hin zur planbaren Gesetzgebung –, die den Märkten derzeit Stabilität vermittelt. Die Nervosität bleibt jedoch im Hintergrund spürbar: Der starke Aktienmarkt spiegelt vor allem eine Hoffnung auf „weniger Schlimmes“ wider, nicht auf eine robuste Konjunktur.



