Telegram hat inzwischen mehr als eine Milliarde Nutzer – und sein Gründer Pawel Durow wird zunehmend zur globalen Projektionsfläche. Libertärer Visionär, Tech-Milliardär, selbsternannter Übermensch: Kaum ein Unternehmer polarisiert stärker. Eine neue Arte-Dokumentation zeichnet ein Bild, das erschreckt und fasziniert zugleich.
Der weiße Papierflieger im Telegram-Logo ist kein Zufall. Vor über zehn Jahren ließ Durow in St. Petersburg 5000-Rubel-Scheine als Papierflieger vom Balkon segeln – ein frühes Zeichen seines Spieltriebs und seines Selbstbildes als großzügiger Herrscher. Damals war er bereits reich geworden: Das von ihm gegründete soziale Netzwerk „vk.com“ dominierte den russischen Markt.
Mit Telegram schuf Durow später ein Tech-Imperium, das kaum Regeln kennt. Die Plattform dient Oppositionellen genauso wie Extremisten. Entführungsaufrufe, Propaganda, IS-Videos – Telegram löscht wenig, aus Überzeugung. Für Durow zählt Privatsphäre über allem, selbst wenn das Freiheit für Kriminelle bedeutet.
Die Arte-Doku zeigt Durow als Mann, den ein elitärer Leistungs- und Freiheitskult geprägt hat. Aus seiner Schulzeit in St. Petersburg nahm er die Idee mit, dass Menschen mit hoher Problemlösungskompetenz „Übermenschen“ seien. Dieses Denken durchzieht offenbar sein Leben – inklusive seiner Obsession für Fortpflanzung. Durow behauptet, Vater von rund 100 Kindern zu sein und betrachtet Samenspenden als „Bürgerpflicht“.
Seine Inszenierung wirkt dabei bis ins Detail durchkomponiert: tägliche 300 Liegestütze, perfekter Haarschnitt, makellos glatte Fotos. Ein High-Performer, der sich selbst als Produkt vermarktet.
Wie Musk bezeichnet sich Durow als Pronatalist – beide propagieren hohe Geburtenraten bei „leistungsstarken Individuen“. Als Durow 2024 in Frankreich wegen mutmaßlicher Beihilfe zu Straftaten festgenommen wurde, sprang Musk öffentlich für ihn ein. Durow kam gegen Kaution frei und lebt inzwischen in Dubai.
Doch anders als Musk ist Durows Unternehmen kaum reguliert. Weder Aufsichtsgremien noch Transparenzmechanismen existieren. Selbst enge Wegbegleiter, wie Journalist Nikolaj Kononov, sehen darin eine Gefahr: Telegram sei zu mächtig, um allein einem Mann zu gehören.
Durow misstraut Staaten und lehnt Regulierung des Internets konsequent ab – schon bei „vk.com“ tolerierte er Inhalte, die strafbar waren. Loyalität ersetzt in seinem Umfeld formale Strukturen. Für Kritiker ist das ein autoritärer Führungsstil hinter einer libertären Fassade.
Telegram selbst ist längst zentraler Kommunikationskanal für politische Bewegungen, Aktivisten, Kriminelle und staatliche Propagandaakteure. Die Plattform ist damit nicht nur Technologieprodukt, sondern geopolitisches Machtinstrument.
Pawel Durow ist einer der rätselhaftesten Tech-Gründer unserer Zeit: Freiheitsfanatiker, Selfmade-Milliardär, Körperkult-Prophet – und der unkontrollierte Chef einer globalen Infrastruktur.
Ob er tatsächlich der „nächste Elon Musk“ ist, bleibt offen. Klar ist aber: Kaum jemand verbindet Technologie, Macht und Selbstinszenierung auf so radikale Weise wie er.




