Ørsted zwingt schwaches Marktumfeld und steigende Finanzierungskosten zu einer 9,4-Mrd.-Dollar-Kapitalerhöhung – das frühere Vorzeigemodell der Offshore-Windbranche gerät unter massiven Druck.
Ørsted, der weltgrößte Entwickler von Offshore-Windparks, ringt um seine finanzielle Stabilität. Mitte August kündigte das Unternehmen eine Kapitalerhöhung von 60 Mrd. dänischen Kronen (9,4 Mrd. Dollar) an, um das US-Großprojekt Sunrise Wind sowie weitere Bauvorhaben zu finanzieren. Die Ankündigung führte zu einem historischen Kurssturz von mehr als 30 Prozent binnen einer Woche und drückte die Marktkapitalisierung auf nur noch 13,8 Mrd. Dollar.
Damit kehrt Ørsted gezwungenermaßen zu seinen Aktionären zurück, obwohl CEO Rasmus Errboe noch im Frühjahr die Investitionspläne um ein Viertel gekürzt hatte, um eine Kapitalmaßnahme zu vermeiden und das Investment-Grade-Rating zu halten. Die Ratingagentur S&P stufte das Unternehmen inzwischen eine Stufe über „Junk“ herab und sprach von einer „deutlich verschlechterten Geschäftsumgebung“. Parallel stieg der Anteil der verliehenen Aktien auf Rekordhöhe – ein Hinweis auf wachsende Short-Positionen.
Der Druck auf Errboe entstand nicht zuletzt durch politische Unsicherheiten. Als die US-Regierung im April Equinor zwang, ein Projekt vor New York zu stoppen, brach Ørsted der Käufer für einen Anteil am benachbarten Sunrise Wind weg. Investoren forderten plötzlich deutlich höhere Renditen, womit das bisherige „farm-down“-Modell ins Wanken geriet. Es beruhte auf dem Verkauf von Projektanteilen an Investoren mit billigem Kapital – eine Praxis, die in Zeiten hoher Zinsen zunehmend an Grenzen stößt.
Die dänische Regierung, die 50,1 Prozent der Anteile hält, hat ihre Unterstützung für die Kapitalmaßnahme zugesagt. Auch Equinor, mit 10 Prozent beteiligt, signalisierte Gesprächsbereitschaft. Analysten betonen jedoch, dass ein erfolgreicher Teilverkauf des Megaprojekts Hornsea 3 entscheidend für das Rating sei. Derzeit sei ein bevorzugter Bieter in Verhandlungen, heißt es aus Unternehmenskreisen.
Gleichzeitig treibt Ørsted sein globales Ausbauprogramm voran: 8,1 Gigawatt Offshore-Kapazität sollen bis 2027 ans Netz gehen, darunter Projekte in Taiwan, Polen und Großbritannien. Sie binden rund 16,5 Mrd. Dollar des geplanten Investitionsvolumens von insgesamt 22,7 Mrd. Dollar. Das Unternehmen erwartet daraus jährliche Zusatzerlöse vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von bis zu 1,9 Mrd. Dollar. Doch Verzögerungen oder scheiternde Asset-Verkäufe könnten das Vertrauen erneut erschüttern.
Noch 2021 war Ørsted an der Börse mit über 90 Mrd. Dollar bewertet – mehr als BP. Heute steht das Unternehmen für viele Anleger sinnbildlich für die Risiken einer Branche, deren Wachstum nicht nur von Technologie und Kapital abhängt, sondern zunehmend auch von Politik und globalen Zinsmärkten.



