Trotz fortschrittlicher Satellitentechnik und internationaler Klimagipfel entweicht Methan in besorgniserregenden Mengen – unentdeckt und oft absichtlich
Am Kaspischen Meer, kaum 30 Meilen entfernt vom COP29-Klimagipfel in Baku, strömt ein unsichtbares, aber tödliches Gas ungehindert in die Atmosphäre: Methan, der zweitgrößte Treiber der globalen Erwärmung. Was als "verstecktes" Klimagift gilt, entzieht sich oft der öffentlichen Wahrnehmung, obwohl seine Wirkung auf den Treibhauseffekt dramatisch ist. Eulerpool berichtete zuerst über neue Daten, die durch einen Sensor der Internationalen Raumstation erhoben wurden und sechs massive Methanfahnen in Aserbaidschan aufzeigen – und das, obwohl genau hier gerade die Weltgemeinschaft gegen die Klimakrise tagt.
Die Organisation Carbon Mapper analysierte die Daten und bestätigte: All diese Emissionen stammen von Ölfeldern in der Nähe Bakus. Weitere Methanwolken wurden beim riesigen Sangachal-Terminal entdeckt. Methan, oft als Nebenprodukt der Öl- und Gasförderung frei gelassen oder verbrannt, bleibt meist unsichtbar. Doch für die betroffene Bevölkerung ist es alles andere als harmlos: Die giftige Gaswolke enthält neben Methan auch Karzinogene und andere gefährliche Chemikalien.
Methan wird oft durch Kohlenstoffdioxid überschattet, dabei ist seine klimaschädliche Wirkung verheerend. Innerhalb von 20 Jahren ist es etwa 80-mal potenter als CO₂, und es trägt Schätzungen zufolge zu rund 30 Prozent der globalen Erwärmung seit der Industrialisierung bei. Zudem bildet Methan bodennahes Ozon, das jährlich rund eine Million Menschen weltweit das Leben kostet – durch Atemwegserkrankungen und giftige Umweltbelastung. Neben Landwirtschaft und Müllhalden gilt die fossile Brennstoffindustrie als Hauptverursacher dieser Emissionen.
Öl- und Gasriesen weltweit greifen zu unterschiedlichen Methoden, um ihre Methanemissionen zu verschleiern. Die Methan-Emissionen des Energiesektors stiegen 2023 auf ein Rekordniveau – eine beunruhigende Tatsache, denn die Reduktion von Methan gilt als schnellste und kostengünstigste Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel.
Die neuen Satelliten, die detaillierte Emissionskarten liefern, werden von Unternehmen wie Carbon Mapper genutzt, um die Methanfahnen gezielt aufzudecken. Im Gegensatz zu früheren Technologien, die auf Bodenmessungen angewiesen waren, ermöglicht die aktuelle Satellitentechnik eine globale Überwachung und präzise Verortung der Methanquellen. Doch selbst mit dieser neuen Transparenz ist die Industrie gut gewappnet, ihre Emissionen zu verschleiern.
Mark Davis, CEO des Fackelspezialisten Capterio, erklärt, dass fast sieben Prozent des geförderten Gases durch Leckagen oder Notabfackelungen verloren gehen. Diese "verluste" könnten, wenn sie gefangen und vermarktet würden, nicht nur Emissionen in Höhe von 6,8 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent reduzieren, sondern der Industrie auch jährlich Einnahmen von 50 Milliarden Dollar einbringen.
Das Verbrennen von überschüssigem Gas – auch Flaring genannt – ist in der Industrie eine gängige Praxis. Die Weltbank schätzt, dass die jährlich verbrannten Gasmengen ausreichen würden, um ganz Subsahara-Afrika mit Energie zu versorgen. Zwar verpflichteten sich 50 Unternehmen beim COP28-Gipfel, bis 2030 das routinemäßige Abfackeln einzustellen, doch bis dahin bleibt die Definition von „Notfällen“ weit gefasst und oft uneinheitlich. Kritiker vermuten, dass manche Unternehmen das Abfackeln routinemäßig als "Notfallmaßnahme" deklarieren, um ihre Emissionen zu vertuschen.
Jonathan Banks, globaler Direktor der Clean Air Task Force, betont: "Die großen internationalen Ölkonzerne sind weit entfernt von den notwendigen Reduktionen beim Abfackeln." Ein Mangel an standardisierten Vorschriften und eine auf Freiwilligkeit basierende Regulierung geben der Industrie hier reichlich Spielraum.
In den letzten zwei Jahren wurden mindestens 13 Satelliten zur Überwachung der Methanemissionen in die Umlaufbahn gebracht. Diese privaten und staatlichen Satelliten erfassen nicht nur globale Methankonzentrationen, sondern können einzelne Emissionen bis zu den verantwortlichen Produktionsanlagen zurückverfolgen. Carbon Mapper identifizierte jüngst durch ihren Satelliten Tanager-1 Methanfahnen in Syrien, Libyen und Texas, die von Öl- und Gasquellen stammen.
Doch ob die entdeckten Emissionen auch schnell genug eingedämmt werden, bleibt eine Herausforderung. Das Methan-Überwachungssystem der UNEP informierte jüngst die argentinische Regierung über ein Satellitenleck, das prompt repariert wurde. In anderen Fällen fehlt jedoch die schnelle Reaktion.
Die EU führte kürzlich umfassende Methanregeln ein, die die Energiekonzerne zur systematischen Überwachung, Erkennung und Reparatur von Lecks verpflichten. Ab 2027 sollen auch Unternehmen außerhalb der EU, die nach Europa exportieren wollen, strengen Auflagen unterliegen. In den USA plant die Biden-Administration eine Methan-Steuer von 900 Dollar pro Tonne im Jahr 2024, die bis 2026 auf 1.500 Dollar steigen soll.
Doch die regulatorischen Vorhaben stehen auf wackligen Beinen: Experten warnen, dass ein Regierungswechsel in den USA diese Fortschritte wieder zunichte machen könnte. Paul Bledsoe, Klimaberater im Weißen Haus unter Präsident Clinton, erklärt: "Die Regulierungen der Biden-Administration, die tiefgreifende Reduktionen fördern sollen, stehen vor dem Risiko einer Aufhebung."
Auch die Einbindung Chinas und anderer großer Emittenten bleibt entscheidend. "Ohne eine klare Methan-Strategie der großen Emittenten gibt es kaum Hoffnung, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen", so Marcelo Mena von der Global Methane Hub.
Methan mag unsichtbar und geruchlos sein, doch seine Folgen sind unübersehbar. Der aktuelle Stand der Technik enthüllt nach und nach das wahre Ausmaß des Problems. Die Frage ist nur, ob die internationale Gemeinschaft und die Industrie bereit sind, die notwendigen Schritte rechtzeitig zu unternehmen.



