Sebastian Siemiatkowski liebt große Auftritte. Als der Klarna-Gründer im September den Börsengang seines 20 Jahre alten Unternehmens feierte, streamte er den Moment per Meta-Smartbrille in die Welt hinaus – und setzte das Bild eines Fintechs, das endlich im globalen Banking ankommen will. Doch kaum war die Glocke der NYSE verklungen, begann der ernüchternde Teil: Seit dem IPO hat die Aktie rund 17 Prozent verloren. Die Investoren wollen nun Taten sehen, nicht Inszenierung.
Der Pitch für die Kapitalmärkte war klar: Klarna soll mehr sein als ein Buy-now-pay-later-Anbieter. Der Konzern will zur internationalen Neobank aufsteigen – und damit direkt in das Revier von Revolut eindringen, dem britischen Wunderkind, das seit Jahren mit aggressivem Produktbau, internationalen Lizenzen und stetigen Erweiterungen im Banking wuchert.
Noch kommt rund drei Viertel der Erlöse aus dem klassischen Händlergeschäft. Für eine Bank ist das zu einseitig. Siemiatkowski will die Abhängigkeit brechen – und das Konsumentengeschäft zur zweiten tragenden Säule machen.
David Sandström, Klarnas Marketingchef und ehemaliger Digitalagentur-Chef, ist der Architekt des neuen Markenbilds. Er machte aus dem nüchternen Blau das ikonische Pink, engagierte Prominente wie Paris Hilton oder Snoop Dogg und polierte das Image von der Zahlungsfunktion zum Lifestyle-Produkt. Nun soll aus der Marke ein Bankkonto werden, das Nutzer an sich bindet.
Klarna rollt das Konto weltweit aus – mit Debitkarte, Budgetierung, Sparfunktionen und der Option, in Zukunft auch Kryptohandel anzubieten. Siemiatkowski nannte das Thema öffentlich und deutete an, dass Klarna „alles prüfe, was für Konsumenten Mehrwert bringt“. Gedacht ist das Konto als zentrales Produkt, über das Klarna langfristig Gebühren und Zusatzservices monetarisieren will.
Doch Klarna kommt spät.
Revolut hat zehn Jahre Vorsprung – ein Fakt, den Klarnas Aufsichtsratschef Michael Moritz Siemiatkowski unmittelbar nach dem IPO schwarz auf weiß zukommen ließ. „Revolut ist zehn Jahre voraus“, schrieb Moritz. Halb humorvoll. Halb Warnung.
Revolut ist heute einer der breitesten Finanzanbieter Europas. Über 35 Millionen Kunden, Trading, Krypto, Versicherungen, Business-Accounts, internationalisierte Zahlungswege – und jahrelange Erfahrung im regulatorischen Tauziehen. Revolut hat ein Ökosystem, das Klarna erst aufbauen muss.
Klarna setzt dagegen auf seine enorme Reichweite im Handel: Hunderte Millionen Nutzer sind bereits durch den Checkout-Prozess gelaufen, viele davon regelmäßig. Wenn Klarna es schafft, auch nur einen Teil dieser Kunden ins Bankkonto zu ziehen, könnte die Lücke zu Revolut schneller schrumpfen, als das britische Fintech lieb ist.
Damit der Plan funktioniert, muss Klarna:
Die Strategie ist ambitioniert, aber nicht unrealistisch: Klarna hat Marke, Nutzerzugang und technologische Schlagkraft. Was fehlt, ist Zeit – und Geduld der Investoren.
Klarna tritt nicht in einen neuen Markt ein, sondern in einen Krieg. Revolut ist dort längst General, Klarna bisher nur Scharfschütze. Aber mit dem Börsengang hat Siemiatkowski Munition – und die klare Ansage, dass die schwedische Firma künftig mehr sein will als das pinke Gesicht des Checkout-Buttons.
Das Duell hat gerade erst begonnen.




