Monatelange Wartezeiten, frustrierte Kunden und aggressive Wettbewerber: Die Deutsche Telekom steckt mitten im Glasfaserdilemma. Ausgerechnet in dem Bereich, der Deutschlands digitale Zukunft sichern soll, droht der Markt zu erstarren – und die Konkurrenz wittert ihre Chance.
Auf PR-Fotos sieht alles nach Aufbruch aus: vier Männer, ein überdimensionales Lebkuchenherz mit Magenta- und Blaurand, die Aufschrift „Glasfaser für München“. Telekom, M-Net und Stadtwerke München feiern ihre Kooperation. Doch hinter dem Lächeln auf dem Marienplatz steckt eine Branche in der Krise.
Der Ausbau der Hochgeschwindigkeitsnetze ist an einem Tiefpunkt. Es fehlt an Geld, an Baukapazitäten, an Genehmigungen. Investoren ziehen sich zurück, viele Kunden bleiben beim alten DSL. Wer wechseln will, wartet oft Monate – manchmal sogar Jahre –, bis der Anschluss tatsächlich funktioniert.
Diese Verzögerungen schaffen Raum für clevere Wettbewerber: Telefónica, Vodafone und 1&1 locken Telekom-Kunden mit schnellen Übergangslösungen – etwa „DSL-Glasfaser“- oder „Kabel-Glas“-Tarifen. Laut Branchenkreisen haben so allein Telefónica und andere Anbieter bis zu 800.000 Telekom-Kunden abgeworben, die im Netz des Marktführers als „Zombies“ gelten: formal gewechselt, technisch aber noch auf Telekom-Leitungen unterwegs.
Digitalminister Karsten Wildberger hat genug. Er bittet an diesem Dienstag die Glasfaserbranche ins Ministerium: Telekom-Deutschland-Chef Rodrigo Diehl, Vodafone-Manager Marcel De Groot, Deutsche-Glasfaser-CEO Andreas Pfisterer und über 30 weitere Branchenvertreter sollen endlich Lösungen finden.
Ziel: ein konkreter Fahrplan für das Ende des alten Kupfernetzes – und damit für echten Wettbewerb auf Glasfaser. Doch Einigkeit ist kaum in Sicht.
Beispiele wie München zeigen, dass Zusammenarbeit funktionieren kann. Telekom und M-Net verlegen künftig gemeinsam Glasfaserleitungen – jeweils zwei pro Wohnung, eine magentafarbene für die Telekom, eine blaue für M-Net. Die Telekom übernimmt dabei sogar Ausbaukosten und Technik – ein Zugeständnis, das bisher undenkbar schien.
„Man muss das Netz mit Leben füllen“, sagt Alfred Rauscher von R-Kom, der ein ähnliches Modell in Regensburg erfolgreich umsetzte. Dennoch bleiben viele Kooperationen fragil. Uneinheitliche Schnittstellen, technische Probleme und Preisstreitigkeiten bremsen die Branche aus.
Die Telekom kauft bevorzugt sogenannte „Dark Fibre“, also unbeleuchtete Leitungen, und rüstet sie selbst mit Technik aus – so behält sie Kontrolle und Marge. Konkurrenten wollen dagegen fairere Konditionen: Laut Insidern will die Telekom Glasfaseranschlüsse für 13 Euro einkaufen, aber für bis zu 30 Euro weiterverkaufen. „Das sorgt für endlose Diskussionen“, warnt Telekom-Expertin Sandra Thomas von der Provadis Hochschule.
Die Lage bleibt angespannt. Die Deutsche Glasfaser, zweitgrößter Anbieter nach der Telekom, hat gerade über zehn Prozent ihrer Mitarbeiter entlassen. Viele alternative Netzbetreiber kämpfen ums Überleben – mit unvollständigen Netzen und sinkender Kapitalbereitschaft ihrer Investoren. Für einige könnte die Telekom am Ende der rettende Vertriebspartner sein.
Ab 2028 soll das Kupfernetz schrittweise abgeschaltet werden. Wenn die Telekom bis dahin keine stabilen Kooperationen schmiedet, droht ihr der Verlust ihres wichtigsten Trumpfs: der Kundenzugang.
Doch die Branche steht vor einem Paradox: Alle wollen mehr Glasfaser, aber keiner will teilen. Und während auf den Pressefotos noch gelächelt wird, kämpfen unter der Oberfläche längst alle gegen dieselben Gegner – gegen die Bürokratie, gegen alte Strukturen. Und gegen die Zombies im Netz.




