Die Debatte um die deutsche Energieversorgung bekommt zum Jahresauftakt neue Dynamik. Die CSU will bei ihrer Klausur Anfang Januar einen energiepolitischen Kurswechsel beschließen – inklusive Rückkehr zur Atomkraft. Der zentrale neue Ansatz: eine atomare Kreislaufwirtschaft, die radioaktive Abfälle drastisch reduzieren soll.
Die CSU beharrt angesichts hoher Strompreise und klimapolitischer Herausforderungen auf einem Wiedereinstieg in die Kernenergie. In einem Positionspapier, das Reuters vorliegt und bei der Klausurtagung vom 6. bis 8. Januar im Kloster Seeon verabschiedet werden soll, formuliert die Partei einen weitreichenden Anspruch: Ziel sei eine Kernenergie ohne radioaktive Abfälle.
Deutschland solle dabei eine Vorreiterrolle übernehmen und insbesondere bei der Wiederaufbereitung von Atommüll Pionierarbeit leisten. Der Fokus liegt damit weniger auf klassischen Reaktoren als auf neuen Technologien im Umgang mit bestehenden und künftigen Abfällen.
Kern des CSU-Konzepts ist die sogenannte Transmutation. Dabei wird langlebiger radioaktiver Abfall in Stoffe mit deutlich kürzerer Halbwertszeit umgewandelt. Laut dem Papier ließe sich so die Menge an Endlagerabfällen erheblich reduzieren.
Darüber hinaus sieht die CSU wirtschaftliches Potenzial: Durch die Umwandlung radioaktiver Abfälle könnten wertvolle Materialien wie Edelmetalle für die Industrie gewonnen werden. Langfristig würde damit weniger Material in tiefengeologische Lager verbracht – ein Punkt, der politisch wie gesellschaftlich seit Jahrzehnten umstritten ist.
Parallel bekräftigt die CSU ihre bekannten Forderungen nach Small Modular Reactors (SMR) sowie nach Kernkraftwerken der vierten und fünften Generation. Diese Konzepte gelten als sicherer und flexibler als klassische Großkraftwerke.
Im Koalitionsvertrag mit der SPD konnten sich CDU und CSU mit diesen Positionen bislang nicht durchsetzen. Die CSU nutzt die Klausur nun offenbar, um den Druck innerhalb der Bundesregierung zu erhöhen und das Thema strategisch neu zu platzieren.
Breiter Konsens besteht weiterhin beim Ziel, den ersten kommerziellen Fusionsreaktor weltweit in Deutschland zu errichten. Dieses Ziel wird von allen Koalitionspartnern getragen. Allerdings rechnen Experten frühestens in den 2030er- oder 2040er-Jahren mit einer Marktreife.
Bayern positioniert sich in diesem Zukunftsfeld gezielt: Mit Unternehmen wie Proxima, Marvel und Gauss sitzen mehrere Vorzeige-Start-ups im Bereich Kernfusion im Freistaat. Kurzfristig trägt das Thema jedoch kaum zur Lösung der aktuellen Energiepreisprobleme bei.
Die CSU-Landesgruppe will mit ihrer traditionellen Klausurtagung im Kloster Seeon gezielt Akzente für den Kurs der Bundesregierung setzen. Zum Auftakt äußern sich Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sowie Parteichef Markus Söder.
Neben Energiepolitik stehen auch außen- und sicherheitspolitische Fragen auf der Agenda. Geplant sind Gespräche mit dem litauischen Präsidenten Gitanas Nausėda und der finnischen Außenministerin Elina Valtonen zur Russland-Politik im Kontext des Ukraine-Kriegs. Zum Abschluss wird Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet.
Deutschland hatte 2011 – auch mit Zustimmung der CSU – den Atomausstieg beschlossen und die letzten Kernkraftwerke 2023 abgeschaltet, darunter das bayerische Kernkraftwerk Isar 2. Eine Rückkehr zur Atomkraft wäre daher nicht nur technologisch, sondern vor allem politisch ein fundamentaler Kurswechsel.
Das CSU-Papier ist vor allem als strategisches Signal zu verstehen. Ob und in welchem Umfang sich daraus konkrete Gesetzesinitiativen ergeben, hängt maßgeblich von der Koalitionsdynamik, regulatorischen Hürden und der gesellschaftlichen Akzeptanz ab. Klar ist jedoch: Die Atomdebatte ist mit diesem Vorstoß wieder offiziell auf der politischen Agenda.




