Die Tarifverhandlungen für 585.000 Beschäftigte der Chemie- und Pharmaindustrie beginnen in einer Lage, wie sie die Branche seit Jahrzehnten nicht erlebt hat. Produktionsrückgänge, hohe Energiepreise, steigender Importdruck und strukturelle Nachfrageprobleme setzen die Unternehmen massiv unter Druck. Während die Arbeitgeber eine tarifpolitische „Atempause“ ohne Lohnerhöhungen fordern, verlangt die Gewerkschaft Kaufkraftzuwächse und Beschäftigungssicherung.
Nach Angaben des Arbeitgeberverbands BAVC produziert die Chemieindustrie heute rund 20 Prozent weniger als im Jahr 2018. Viele Anlagen sind nicht ausgelastet, Investitionen bleiben aus, Margen stehen unter Druck.
Ein Beispiel liefert das mittelständische Unternehmen Zschimmer & Schwarz in Rheinland-Pfalz. Die Produktionsanlagen laufen dort deutlich unter Kapazität. Effizienzprogramme wurden bereits gestartet, um Kosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
Geschäftsführer Christoph Riemer verweist auf massive Auftragsrückgänge, insbesondere bei energieintensiven Kunden wie der Keramikindustrie. Hohe Energiekosten in Europa hätten Produktionen nach Asien verlagert – mit direkten Folgen für Zulieferer.
Vor diesem Hintergrund verlangen die Arbeitgeber Zurückhaltung in der Tarifpolitik. Verhandlungsführer Matthias Bürk spricht von einer Branche „mit dem Rücken zur Wand“.
Hohe Energie- und Arbeitskosten, zunehmende Bürokratie, neue Zölle sowie schwache Nachfrage belasteten die Unternehmen. Eine Lohnerhöhung würde die Kostenstruktur weiter verschärfen.
Das Ziel sei daher eine „Atempause“ – konkret: keine tabellenwirksamen Erhöhungen.
Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) weist eine Nullrunde klar zurück.
Gewerkschaftschef Michail Vassiliadis fordert spürbare Einkommenssteigerungen, um die Kaufkraft der Beschäftigten zu sichern. Zudem sollen tarifliche Instrumente zur Beschäftigungssicherung geprüft werden.
Eine flächendeckende Jobgarantie lehnen die Arbeitgeber jedoch ab. Arbeitsplätze ließen sich nicht per Tarifvertrag verordnen, argumentiert die Gegenseite.
Die Krise ist längst im Arbeitsmarkt angekommen. Laut einer Umfrage des Arbeitgeberverbands haben 25 Prozent der Unternehmen im Jahr 2025 bereits mit Personalabbau begonnen. Weitere 23 Prozent planen entsprechende Schritte für 2026.
Auch bei Zschimmer & Schwarz laufen Gespräche über freiwillige Programme und Vorruhestandsmodelle.
Ein möglicher Lichtblick könnte das neue Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien sein. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) sieht darin Chancen für zusätzliche Exporte und resilientere Lieferketten. Bislang spielt Indien im Außenhandel der Branche jedoch eine untergeordnete Rolle.
Die Tarifrunde 2026 dürfte richtungsweisend werden.
Auf der einen Seite steht eine Branche im strukturellen Umbruch mit schrumpfender Produktion und wachsendem Wettbewerbsdruck. Auf der anderen Seite Beschäftigte, die nach Inflationsjahren reale Einkommensverluste vermeiden wollen.
Ob es zu einem Kompromiss kommt – oder zu einer harten Auseinandersetzung –, hängt nicht nur von den Verhandlungen in Langenhagen ab. Entscheidend wird sein, ob die Branche kurzfristig wirtschaftliche Stabilisierungssignale senden kann.
Die Ausgangslage ist so angespannt wie selten zuvor.



