Cannes-Präsidentin Knobloch sieht Filmbranche weiter fragil, doch widerstandsfähig – US-Zölle könnten Produktion lähmen.
Mit Blick auf mögliche US-Zölle von bis zu 100 Prozent auf ausländische Filme hat Iris Knobloch, Präsidentin des Filmfestivals in Cannes, vor wirtschaftlicher Panik in der Branche gewarnt. „Es ist zu früh, um die Folgen abzuschätzen“, sagte sie im Vorfeld der 78. Ausgabe des Festivals. Dennoch könnten solche Maßnahmen internationale Produktionen empfindlich treffen – ein zusätzlicher Druckfaktor für eine Branche, die sich gerade erst von Pandemie, Streiks und Naturkatastrophen erholt.
Knobloch, ehemalige Warner-Managerin und erste Frau an der Spitze des Festivals, sieht dennoch Zeichen der Stabilisierung. „Hollywood ist zurück“, sagte sie mit Blick auf die wachsenden Kinoeinnahmen. Der jüngste Branchentrend gehe wieder in Richtung Kinopremieren – ein Kurswechsel nach Jahren des Streamings. „Was uns ermutigt, ist die Rückkehr des Glaubens an das Kino“, so Knobloch.
In Cannes beginnt am 13. Mai ein Programm, das kommerzielle und künstlerische Highlights vereint – von Blockbustern wie dem neuen Mission: Impossible bis zu Wettbewerbsfilmen von Wes Anderson, Rebecca Zlotowski und Richard Linklater. Die Festivalleitung erhielt in diesem Jahr 2.909 Einreichungen aus 156 Ländern, ein Drittel davon von Regisseurinnen. Sieben von ihnen wurden für den Hauptwettbewerb ausgewählt – ein Rekordwert, der das Vorjahr egalisiert.
Doch das Festival steht auch unter dem Eindruck der #MeToo-Debatte in Frankreich. Ein Parlamentsbericht attestierte der französischen Unterhaltungsbranche strukturelle Probleme im Umgang mit sexueller Gewalt. Knobloch betonte, das Festival habe bereits Empfehlungen umgesetzt, räumte aber ein: „Da liegt noch viel Arbeit vor uns.“ Der laufende Prozess gegen Schauspieler Gérard Depardieu, der alle Vorwürfe zurückweist, verstärkt den öffentlichen Druck.
Knobloch sieht ihre Rolle auch darin, weibliche Sichtbarkeit und Diversität zu fördern. „Ich glaube, dass das ein zentrales Anliegen ist – und das Festival nimmt es ernst.“ Trotz der politischen Polarisierung in den USA unter Trump, insbesondere in Bezug auf Diversity-Initiativen, habe das Kino seine Unabhängigkeit behauptet. „Filme waren immer widerstandsfähig gegen politischen Druck“, sagte Knobloch. „Sie transportieren Botschaften – und Filmemacher werden weiterhin ihre Wahrheit erzählen.“
Als Beispiel nannte sie The Zone of Interest, ein Cannes-Beitrag aus dem Vorjahr über das Leben des Auschwitz-Kommandanten. Dass ihre Mutter Charlotte Knobloch eine Holocaust-Überlebende ist, unterstreicht die persönliche Bedeutung solcher Stoffe für die Festivalpräsidentin. Gerade diese Haltung zur gesellschaftlichen Verantwortung verleihe Cannes, so Knobloch, weiterhin seine Relevanz – in einer Branche, in der auch Prestige neu verhandelt wird.




