In einem exklusiven Reuters-Interview sorgt US-Präsident Donald Trump für neue Irritationen in Europa: Nicht Russland, sondern die Ukraine sei aus seiner Sicht das Haupthindernis für ein Friedensabkommen. Moskau hingegen signalisiere Verhandlungsbereitschaft. Die Aussagen markieren eine klare Abkehr von der Linie der europäischen Verbündeten.
Bei einem Gespräch im Oval Office erklärte Trump, der russische Präsident Wladimir Putin sei bereit, den seit fast vier Jahren andauernden Krieg zu beenden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hingegen zögere. Auf die Frage, warum es bislang keinen Durchbruch bei den US-geführten Friedensgesprächen gebe, antwortete Trump knapp: „Selenskyj.“
Damit widerspricht der US-Präsident offen der Einschätzung der meisten europäischen Regierungen, die Moskau weiterhin fehlende ernsthafte Kompromissbereitschaft vorwerfen. Auch US-Geheimdienste hatten zuletzt gewarnt, Putin halte an seinen strategischen Zielen in der Ukraine fest – einschließlich territorialer Expansion.
Die Beziehung zwischen Trump und Selenskyj gilt seit Jahren als wechselhaft. Zwar habe sich der Ton im ersten Jahr von Trumps zweiter Amtszeit etwas entspannt, doch grundlegendes Misstrauen bleibt. Trump zeigte sich in der Vergangenheit wiederholt empfänglich für Zusicherungen aus dem Kreml – sehr zum Unmut Kiews, europäischer Hauptstädte und auch einiger Republikaner im US-Kongress.
Seine aktuellen Aussagen deuten erneut auf Frustration über die ukrainische Führung hin. Auf Nachfrage, warum Selenskyj aus seiner Sicht bremse, blieb Trump vage: Der Präsident habe „Schwierigkeiten, dorthin zu kommen“, also einen Kompromiss zu akzeptieren.
Im Zentrum der laufenden Gespräche stehen Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach einem möglichen Waffenstillstand. Washington drängt laut Reuters darauf, dass Kiew im Gegenzug territoriale Zugeständnisse macht, insbesondere im Osten des Landes. Für Selenskyj ist das politisch und rechtlich kaum vermittelbar: Die ukrainische Verfassung schließt die Abtretung von Staatsgebiet ausdrücklich aus.
Europäische Diplomaten zweifeln zudem, dass Putin einem Abkommen zustimmen würde, das die langfristige Sicherheit der Ukraine glaubwürdig absichert. Die Diskrepanz zwischen westlichen Erwartungen und Trumps Einschätzung könnte die transatlantische Linie weiter belasten.
Trump deutete an, Selenskyj möglicherweise kommende Woche am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos treffen zu wollen – falls dieser dort anwesend sei. Konkrete Pläne bestätigte er jedoch nicht.
Politisch ist die Signalwirkung seiner Aussagen bereits jetzt erheblich: Indem der US-Präsident die Verantwortung für das Ausbleiben eines Friedensabkommens primär Kiew zuschreibt und Moskau als verhandlungsbereit darstellt, verschiebt sich das Machtgefüge der internationalen Debatte. Für die Ukraine bedeutet das wachsenden Druck, für Europa eine neue Unsicherheit – und für die globalen Märkte die Rückkehr geopolitischer Spannungen, die längst nicht gelöst sind.



