Ein Schweizer Gericht verhindert den Konkurs von Nord Stream 2 – US-Investor prüft Einstieg trotz geopolitischer Risiken.
Die Nord Stream 2 AG, Betreiberin der teils zerstörten Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland, entgeht vorerst der Insolvenz. Ein Gericht im schweizerischen Zug bestätigte am Freitag einen Nachlassvertrag, der einen Schuldenschnitt und damit die Sanierung des Unternehmens ermöglicht. Der Schritt öffnet Investoren weiterhin die Tür – darunter auch den US-amerikanischen Energieunternehmer Steven Lynch, einen Vertrauten von Donald Trump.
Die Gesellschaft, hinter der der russische Staatskonzern Gazprom steht, darf ohne Einsetzung eines Konkursverwalters nach Kapital suchen. Die Einigung mit Gläubigern – darunter OMV, Shell, Uniper und Wintershall – erfolgte am 30. April. Uniper, inzwischen fast vollständig in staatlicher Hand, ist durch das Bundesfinanzministerium eng in den Prozess eingebunden. In Regierungskreisen gilt es als unwahrscheinlich, dass Berlin von der Einigung überrascht wurde.
Für Lynch, der laut SPIEGEL-Informationen großes Interesse an einer Übernahme signalisiert hat, ist die Gerichtsentscheidung ein Wendepunkt: Die bestehenden Genehmigungen für den Leitungsbau bleiben vorerst bestehen. Ein Konkurs hätte den Genehmigungsprozess von Grund auf neu gestartet – ein politisch heikler und regulatorisch riskanter Pfad. Dabei liegt ein Strang der Pipeline nach wie vor beschädigt auf dem Meeresboden der Ostsee.
Kritik an der Entscheidung kommt von der neuen grünen Opposition. Ex-Staatssekretär Michael Kellner warf der Bundesregierung vor, durch Unterlassung den Weg für eine Reaktivierung von Nord Stream 2 zu ebnen. Die Grünen hatten sich stets klar gegen die Leitung positioniert. »Kaum sind die Grünen nicht mehr in der Regierung, werden Dämme eingerissen«, sagte Kellner.
Das Projekt bleibt geopolitisch brisant. Zwar war Nord Stream 2 ursprünglich von Trump scharf bekämpft worden – inklusive Sanktionen gegen beteiligte Unternehmen. Doch in seiner zweiten Amtszeit deutet sich eine strategische Kehrtwende an. Eine Reaktivierung der Leitung könnte künftig als Verhandlungsmasse zwischen den USA, Russland und Europa fungieren – insbesondere im Kontext möglicher Friedensgespräche.
Lynch soll bereits bei US-Behörden eine Ausnahmegenehmigung für den Erwerb der sanktionierten Gesellschaft beantragt haben. Sein Ziel: Die Pipeline in amerikanischen Besitz zu überführen, um sie außenpolitisch nutzen zu können. Ein Deal dürfte jedoch auch in Europa auf erhebliche politische Widerstände stoßen. Die EU-Kommission arbeitet daran, Gasimporte aus Russland ab 2027 schrittweise über das Energierecht zu beenden – unabhängig von formellen Sanktionen.
Rechtlich obliegt die Entscheidung über einen Verkauf der Nord Stream 2 AG allein Gazprom. Die Gläubiger, deren Forderungen sich auf jeweils rund 950 Millionen Euro belaufen, haben kein Mitspracherecht in der Eigentümerfrage – sind aber verpflichtet, ihre Verluste zu minimieren. Ob sich daraus letztlich eine Wiederinbetriebnahme ableitet, hängt weniger von der Pipeline selbst als vom geopolitischen Umfeld ab. Doch der Sanierungsbeschluss zeigt: Tot ist Nord Stream 2 noch lange nicht.



