Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Die Kunst, eine Position zu halten
In dieser Kolumne schreibt Michael C. Jakob über die Prinzipien des langfristigen Vermögensaufbaus. Es geht nicht um kurzfristige Börsengeräusche, sondern um zeitlose Investment-Ideen, mentale Modelle und persönliche Erfahrungen aus über einem Jahrzehnt an den Kapitalmärkten. Jede Ausgabe beleuchtet eine zentrale Erkenntnis, die Investoren dabei hilft, rationaler zu denken, bessere Entscheidungen zu treffen und über Jahrzehnte hinweg Vermögen aufzubauen.
Ich habe Microsoft im Frühjahr 2020 gekauft. Nicht viel – etwa 200.000 Euro. Der Kurs stand bei 140 Dollar. Heute steht er bei 420 Dollar.
In den vier Jahren dazwischen ist viel passiert. Die Aktie fiel 2022 auf 220 Dollar. Analysten erklärten, Cloud-Wachstum sei überschätzt. Makro-Ängste dominierten. Ich erhielt E-Mails: "Wann verkaufst du Microsoft?"
Ich verkaufte nicht.
2023 explodierte die KI-Euphorie. Microsoft stieg auf 380 Dollar. Wieder E-Mails: "Nimmst du jetzt Gewinne mit?"
Ich verkaufte nicht.
Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Ist es auch. Aber der eigentliche Erfolg war nicht der Kauf. Der Erfolg war, dass ich vier Jahre lang nichts getan habe.
Nichts tun ist die unterschätzteste Fähigkeit beim Investieren. Und die schwerste.
20. Kauf im AlleAktien Dividenden Depot im April 2026
II. These: Vermögen entsteht nicht durch Handeln, sondern durch Ausharren
Es gibt eine Illusion in der Finanzwelt: Gute Investoren treffen ständig kluge Entscheidungen. Sie kaufen am Tiefpunkt, verkaufen am Hochpunkt, rebalancieren geschickt, optimieren steuereffizient.
Die Realität sieht anders aus.
Die besten Investoren – Buffett, Munger, Bezos, die norwegische Zentralbank – treffen wenige Entscheidungen. Sehr wenige. Und dann halten sie diese Positionen über Jahrzehnte.
Buffetts größte Positionen – Apple, Coca-Cola, American Express – hält er seit Jahren, teilweise Jahrzehnten. Nicht, weil es keine besseren Alternativen gäbe. Sondern weil Ausharren kompetitiver Vorteil ist.
Der Grund ist mathematisch simpel: Wenn eine Aktie 15% pro Jahr steigt, verdoppelt sie sich alle fünf Jahre. Nach zehn Jahren ist sie bei 4x. Nach zwanzig Jahren bei 16x. Nach dreißig Jahren bei 66x.
Aber nur, wenn man hält.
Jedes Mal, wenn man verkauft und wieder einsteigt, zahlt man Steuern. Jedes Mal, wenn man rotiert, riskiert man Timing-Fehler. Jedes Mal, wenn man "optimiert", reduziert man die Wahrscheinlichkeit, dass man tatsächlich von Compounding profitiert.
Die Kunst ist nicht, die perfekte Aktie zu finden. Die Kunst ist, eine sehr gute Aktie zu finden – und dann die Nerven zu haben, sie zu halten, wenn alle anderen verkaufen.

III. Fünf Prinzipien, um Positionen zu halten
1. Kaufe nur, was du zehn Jahre halten kannst
Buffetts Regel: "Wenn du eine Aktie nicht zehn Jahre halten würdest, solltest du sie nicht zehn Minuten halten."
Das ist keine Metapher. Es ist ein Filter.
Wenn ich eine Aktie kaufe, stelle ich mir eine Frage: Würde ich diese Position halten, wenn die Börse morgen für fünf Jahre schließt?
Wenn die Antwort nein ist, kaufe ich nicht.
Das eliminiert 95% aller "Opportunitäten". Hot Stocks. Turnarounds. Spekulative Wetten. Momentum Plays. All das, was kurzfristig attraktiv aussieht, aber langfristig nicht haltbar ist.
Übrig bleiben Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen, vorhersehbaren Cash Flows, rationalen Managements. Langweilige Unternehmen. Und genau die sind haltbar.
2. Ignoriere Noise, fokussiere auf Fundamentaldaten
Der größte Feind des langfristigen Investors ist nicht schlechte Performance. Es ist psychologischer Druck.
Jeder Kursrückgang fühlt sich wie ein Fehler an. Jede Korrektur erzeugt Zweifel. Jeder Analyst, der "Sell" schreit, macht nervös.
Die Lösung: Fokus auf das, was zählt.
Wächst das Unternehmen? Steigen die Gewinne? Bleibt die Marge stabil? Erhöht sich der Free Cash Flow?
Wenn ja – halten. Egal, was der Kurs macht.
Ich schaue mir Microsoft-Quartalszahlen an. Ich lese Earnings Calls. Ich analysiere Azure-Wachstum, Gaming-Revenue, Produktivitäts-Suite-Adoption. Solange diese Fundamentaldaten intakt sind, ist der Kurs irrelevant.
Der Kurs ist Noise. Das Geschäft ist Signal.
3. Verstehe den Unterschied zwischen Volatilität und Risiko
Volatilität ist, wenn der Kurs schwankt. Risiko ist, wenn das Geschäftsmodell bricht.
Die meisten Investoren verwechseln das.
Microsoft fiel 2022 um 30%. War das risikoreich? Nein. Das Unternehmen verdiente weiterhin Milliarden, Azure wuchs zweistellig, die Bilanz war solide. Der Kursrückgang war Volatilität, kein Risiko.
Dagegen: WeWork fiel 2019 um 80%. War das nur Volatilität? Nein. Das Geschäftsmodell war fundamental kaputt. Das war Risiko.
Wenn man den Unterschied versteht, wird Halten einfacher. Volatilität ist ertragbar. Risiko nicht.
4. Halte genug Cash, um nicht verkaufen zu müssen
Der häufigste Grund, warum gute Positionen zu früh verkauft werden, ist nicht mangelnde Überzeugung. Es ist Liquiditätsdruck.
Man braucht Geld für eine Investition. Für einen Notfall. Für eine Steuerzahlung. Und plötzlich muss man die beste Position im Portfolio verkaufen – nicht, weil die Fundamentaldaten schlecht sind, sondern weil man Cash braucht.
Die Lösung: Halte immer genug Liquidität, um nie in diese Situation zu kommen.
Ich halte mindestens 20% meines Vermögens in Cash oder kurzlaufenden Staatsanleihen. Nicht, weil ich denke, dass Cash eine gute Investition ist. Sondern weil Cash mir die Freiheit gibt, meine besten Positionen zu halten – egal, was passiert.
Liquidität ist Optionalität. Und Optionalität ist wertvoll.
5. Definiere im Voraus, was dich zum Verkaufen bringen würde
Nicht zu verkaufen heißt nicht, nie zu verkaufen. Es heißt, nur aus rationalen Gründen zu verkaufen.
Ich definiere für jede Position im Voraus drei Szenarien, die mich zum Verkauf bringen würden:
- Fundamentale Verschlechterung: Das Geschäftsmodell bricht (z.B. Margenerosion, Marktanteilsverlust, strukturelle Disruption)
- Management-Versagen: Irrationale Kapitalallokation, Bilanzmanipulation, strategische Fehler
- Bewertungsexzess: Die Aktie ist so teuer, dass selbst bei perfekter Ausführung keine vernünftige Rendite mehr möglich ist
Alles andere – Makro-Ängste, Kursrückgänge, Analyst-Downgrades – ist kein Verkaufsgrund.
Diese Vorab-Definition schützt vor emotionalen Entscheidungen. Wenn Microsoft die Kriterien erfüllt, halte ich. Wenn nicht, verkaufe ich. Keine Grauzone.
IV. Beispiel: Terry Smith und Fundsmith Equity
Terry Smith ist ein britischer Investor, der 2010 den Fundsmith Equity Fund gründete. Seine Strategie ist radikal simpel: Kaufe großartige Unternehmen. Halte sie. Tu nichts.
Sein Portfolio besteht aus etwa 25 Positionen. Im Durchschnitt hält er jede Position über zehn Jahre. Turnover: unter 5% pro Jahr. Das ist außergewöhnlich niedrig.
Die Ergebnisse: Fundsmith hat seit 2010 den MSCI World Index um durchschnittlich 4% pro Jahr outperformt. Nicht durch geniales Stock Picking. Nicht durch Market Timing. Sondern durch Ausharren.
Smith selbst sagt: "Die meisten Investoren verlieren Geld, weil sie zu viel tun. Sie kaufen zu oft, verkaufen zu oft, optimieren zu oft. Unsere Strategie ist: Finde großartige Unternehmen, kaufe sie zu vernünftigen Preisen, und dann – tu nichts."
Sein größter Fehler? Die wenigen Male, in denen er doch verkauft hat. Er verkaufte L'Oréal 2017, weil die Bewertung ihm zu hoch erschien. Die Aktie verdoppelte sich in den folgenden fünf Jahren. Er verkaufte PayPal 2021 aus ähnlichen Gründen – nur um zuzusehen, wie die Fundamentaldaten weiter stark blieben.
Seine Lektion: "Wenn du ein großartiges Unternehmen zu einem fairen Preis gekauft hast, ist der größte Fehler, den du machen kannst, zu verkaufen."
V. Fazit: Die Disziplin des Nichtstuns
Es gibt eine paradoxe Wahrheit beim Investieren: Die meisten Menschen scheitern nicht, weil sie zu wenig tun. Sie scheitern, weil sie zu viel tun.
Sie kaufen zu oft. Sie verkaufen zu oft. Sie rotieren, rebalancieren, optimieren. Sie reagieren auf Nachrichten, auf Kursbewegungen, auf Expertenmeinungen.
Jede dieser Handlungen fühlt sich produktiv an. Und jede dieser Handlungen reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass sie langfristig erfolgreich sind.
Die Alternative ist nicht einfacher. Aber sie ist effektiver.
Kaufe sehr gute Unternehmen. Kaufe sie zu vernünftigen Preisen. Und dann – halte sie. Über Jahre. Über Jahrzehnte. Durch Bullenmärkte und Bärenmärkte. Durch Krisen und Euphorien.
Ignoriere den Noise. Fokussiere auf Fundamentaldaten. Halte genug Cash, um nie verkaufen zu müssen. Definiere im Voraus, was dich zum Verkaufen bringen würde – und verkaufe nur dann.
Das ist keine glamouröse Strategie. Es gibt keine spannenden Geschichten. Keine dramatischen Trades. Keine "10x in einem Jahr"-Gewinne.
Aber es funktioniert.
Weil Vermögen nicht durch Aktivität entsteht. Vermögen entsteht durch Compounding. Und Compounding braucht Zeit.
Die Kunst, eine Position zu halten, ist die Kunst, Zeit für sich arbeiten zu lassen.
Und das Schwierigste daran ist: nichts zu tun.
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