In vielen deutschen Unternehmen gelten klare Vorgaben zur Anwesenheit im Büro. In der Praxis werden diese jedoch häufig umgangen – und Führungskräfte stehen zwischen Regelwerk und Realität.
Ob SAP, Otto oder VW: Die meisten Unternehmen haben feste Homeoffice-Quoten eingeführt. Trotzdem kontrollieren nur wenige, ob sie eingehalten werden. Laut einer neuen Umfrage der Jobplattform Indeed geben zwar rund 70 Prozent der Firmen vor, wie oft Mitarbeiter ins Büro kommen sollen. Bei mehr als der Hälfte wird das jedoch kaum überprüft. Die Folge: Jeder macht, was er will, und Unmut im Team wächst.
Viele Unternehmen beschließen Regeln, ohne die Teamleiter einzubeziehen. Diese sollen dann kontrollieren, obwohl sie selbst andere Vorstellungen haben. Manche Vorgesetzte holen Mitarbeitende häufiger ins Büro, andere drücken beide Augen zu. Das sorgt für Ungerechtigkeitsgefühl – laut Umfrage fühlen sich fast 14 Prozent unfair behandelt, weil Kolleginnen seltener erscheinen.
Coaching-Expertin Jutta Boenig beobachtet: Fehlende Vorbilder in der Chefetage verschärfen das Problem. Wenn der eigene Vorgesetzte nie im Büro ist, sinkt die Glaubwürdigkeit, von anderen Anwesenheit zu verlangen. In dieser Situation helfen laut Boenig klare Gespräche im Team, um gemeinsam verbindliche Regeln festzulegen.
Boenig rät: Bei einzelnen Ausnahmen – etwa wegen familiärer Gründe – sollte die Führungskraft transparent kommunizieren, warum sie diese gewährt. Denn heimliche Sonderbehandlungen schaffen Misstrauen. Werden Regeln dauerhaft ignoriert, können Unternehmen Homeoffice letztlich auch mit formalen Anweisungen oder arbeitsrechtlichen Schritten durchsetzen.
Homeoffice ist flexibel, aber kein Menschenrecht.




