Großbritannien zieht die Daumenschrauben an: Werbung für ungesunde Lebensmittel ist vor 21 Uhr tabu, online komplett verboten. Die Regierung will Kinder schützen und Milliardenkosten im Gesundheitssystem senken. Doch der Widerstand wächst.
In Großbritannien ist seit heute Schluss mit Werbung für ungesunde Lebensmittel im Fernsehen vor 21 Uhr. Online dürfen Produkte mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt gar nicht mehr beworben werden. Betroffen sind unter anderem Schokolade, Eis, Süßigkeiten und gezuckerte Joghurts.
Die Maßnahme ergänzt bestehende Eingriffe wie die Zuckersteuer und markiert einen weiteren Schritt im Kampf gegen Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten.
Bereits Monate vor Inkrafttreten hatten sich große Handelsketten freiwillig angepasst. Klassische Weihnachtswerbung mit üppigen Desserts wich Bildern von Gemüse, Käse oder vergleichsweise neutralen Lebensmitteln. Die Branche reagierte damit auf die absehbaren regulatorischen Vorgaben.
Die politische Stoßrichtung ist klar: Vor allem Kinder sollen weniger durch aggressive Werbung beeinflusst werden. Gesundheitsminister Wes Streeting verweist auf alarmierende Zahlen. Jedes zehnte Kind gilt bereits mit vier Jahren als fettleibig, mit fünf Jahren leidet jedes fünfte an Karies.
Nach Berechnungen des Gesundheitsministeriums könnten Kinder jährlich bis zu 70 Milliarden Kalorien einsparen. Zudem rechnet die Regierung mit bis zu 20.000 weniger Fällen von Fettleibigkeit und Einsparungen von umgerechnet mehr als zwei Milliarden Euro für den staatlichen Gesundheitsdienst.
Der wirtschaftliche Hintergrund spielt eine zentrale Rolle. Fettleibigkeit verursacht erhebliche Kosten für den National Health Service, der bereits stark unter Druck steht. Prävention gilt als günstiger als spätere Behandlung chronischer Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden.
Nicht überall stößt das Werbeverbot auf Zustimmung. Kritiker sprechen von übermäßiger staatlicher Einmischung und warnen vor einem Dammbruch weiterer Regulierungen. Besonders aus konservativen und marktwirtschaftlichen Lagern kommt der Vorwurf, der Staat greife zu tief in Konsumfreiheit und Medienmärkte ein.
Auch die Lebensmittelindustrie hatte ursprünglich gegen das Verbot lobbyiert, zeigte sich am Ende jedoch erleichtert über die lange Übergangsfrist. Ursprünglich war die Regelung bereits für 2023 geplant.
In der Bevölkerung ist die Stimmung geteilt. Zwar begrüßen viele den Gesundheitsschutz für Kinder, doch ein strukturelles Problem bleibt ungelöst: Ungesunde Lebensmittel sind oft die günstigste Option im Supermarkt. Solange Preis und Einkommen auseinanderlaufen, dürfte Werbung allein das Konsumverhalten nur begrenzt verändern.
Das Werbeverbot ist damit weniger ein Allheilmittel als ein weiterer Baustein in einer zunehmend interventionistischen Gesundheitspolitik. Ob er wirkt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.




