Die Diskussion über das Goldangebot konzentriert sich meist auf Minen, Förderkosten und Explorationsbudgets. Ein wesentlicher Angebotsfaktor bleibt dabei oft unterbelichtet: das Recycling. Die kräftige Goldpreis-Rally der vergangenen Jahre hat genau hier spürbare Effekte ausgelöst – schneller, direkter und flexibler als jede Ausweitung der Minenproduktion. Warum das Recycling künftig eine strategisch immer größere Rolle spielen dürfte.
Steigende Goldpreise führen nicht automatisch zu mehr Neuförderung. Die globale Minenproduktion bewegt sich seit 2018 weitgehend seitwärts. Selbst außergewöhnlich hohe Margen ändern daran wenig, denn neue Minen benötigen lange Vorlaufzeiten, hohe Genehmigungsrisiken und enorme Investitionen.
Auch 2025 lag die weltweite Goldförderung im ersten Halbjahr auf dem Niveau der Vorjahre. Die Angebotsseite aus dem Bergbau ist damit strukturell träge – ein entscheidender Unterschied zum Recycling.
Während Minen kaum reagieren, zeigt das Recycling eine deutlich höhere Preissensitivität. In den 1990er-Jahren lag die jährlich recycelte Goldmenge meist zwischen 800 und 900 Tonnen. In den 2000er-Jahren stieg sie auf über 1.000 Tonnen, mit einem Höhepunkt 2009 bei 1.728 Tonnen.
Nach einem längeren Rückgang hat sich dieser Trend in den vergangenen Jahren wieder gedreht. 2024 wurden weltweit rund 1.370 Tonnen Gold recycelt, ein Plus von fast elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bereits 2023 hatte das Recycling um 8,6 Prozent zugelegt. Parallel dazu stieg der Goldpreis in US-Dollar in beiden Jahren jeweils zweistellig.
Im ersten Halbjahr 2025 setzte sich der Anstieg fort: knapp 700 Tonnen recyceltes Gold, rund zwei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Quelle dieser Daten ist unter anderem der World Gold Council.
Besonders aussagekräftig ist der Anteil des recycelten Goldes am gesamten Goldangebot. 2009 lag dieser Wert bei rund 42 Prozent. In den Folgejahren sank er deutlich, trotz steigender Preise, und verharrte lange auf niedrigem Niveau.
Erst seit 2023 ist wieder ein klarer Aufwärtstrend zu beobachten. Der Recycling-Anteil stieg von 23,8 Prozent im Jahr 2022 auf 27,6 Prozent im Jahr 2024. Im ersten Halbjahr 2025 wurden bereits 28,7 Prozent erreicht – der höchste Wert seit zwölf Jahren. Die Goldpreis-Rally spiegelt sich damit unmittelbar in der Angebotsstruktur wider.
Recycling beschränkt sich längst nicht mehr auf Altgold aus Schmuck. Unter dem Begriff Urban Mining fällt zunehmend die Rückgewinnung von Edelmetallen aus Elektronikschrott. Smartphones, Server, Leiterplatten und industrielle Elektronik enthalten relevante Mengen Gold.
Ein typisches Mobiltelefon enthält zwischen sieben und 34 Milligramm Gold, hochwertige Server-Komponenten sogar bis zu einem Gramm. Moderne Recyclinganlagen erreichen heute Rückgewinnungsraten von über 90 Prozent. Schätzungen zufolge könnten langfristig bis zu 15 Prozent des weltweiten Goldangebots aus Elektroschrott stammen.
Das Volumen ist enorm: Weltweit fallen bereits über 60 Millionen Tonnen Elektroschrott pro Jahr an, mit stark steigender Tendenz. Das Recycling wächst jedoch deutlich langsamer als das Abfallaufkommen – ein strukturelles Potenzial für die kommenden Jahre.
Trotz Urban Mining stammt rund 90 Prozent des recycelten Goldes weiterhin aus Schmuck. Besonders hoch ist der Anteil in Ländern mit starker Goldschmuck-Tradition wie Indien. In westlichen Ländern fällt er geringer aus, steigt jedoch mit zunehmender Preisattraktivität.
Auch die Nachfrage verändert sich. Große Schmuckmarken setzen zunehmend auf recyceltes Gold, um Lieferketten nachhaltiger zu gestalten. Das verstärkt den strukturellen Trend unabhängig vom kurzfristigen Preiszyklus.
Goldrecycling ist nicht nur ökonomisch relevant, sondern auch ökologisch. Rund 90 Prozent der CO₂-Emissionen einer Unze Gold fallen bei der Erstförderung an. Recycling vermeidet diesen Großteil der Emissionen und senkt den ökologischen Fußabdruck erheblich.
Hinzu kommt eine geopolitische Dimension. Recycling reduziert die Abhängigkeit von Primärrohstoffen aus politisch sensiblen Regionen. Die EU verfolgt daher das Ziel, bis 2030 mindestens 25 Prozent des Bedarfs an kritischen Rohstoffen aus Recyclingquellen zu decken.
Das Recycling konzentriert sich auf wenige globale Zentren. Bei hochwertigem Altgold spielen die USA, China, Indien, Italien, Dubai und die Schweiz eine zentrale Rolle. Besonders die Schweiz ist als globales Raffinerie-Zentrum dominant: Ein Großteil des weltweit geförderten und recycelten Goldes wird dort verarbeitet.
Bei minderwertigem Schrott, etwa aus Elektronik, ist der Markt fragmentierter. Nur spezialisierte Raffinerien können diese Materialien wirtschaftlich aufbereiten. Viele von ihnen sind nach LBMA- oder RJC-Standards zertifiziert.
Die Goldpreis-Rally hat das Edelmetall-Recycling spürbar belebt. Während die Minenförderung strukturell träge bleibt, reagiert das Recycling schnell, flexibel und zunehmend professionell. Mittlerweile stammt mehr als ein Viertel des weltweiten Goldangebots aus sekundären Quellen.
Das Verhältnis zwischen Neuförderung und Recycling bewegt sich zwar weiterhin in einem relativ engen Band, doch die Richtung ist klar. Steigende Preise, technischer Fortschritt, Nachhaltigkeitsanforderungen und geopolitische Überlegungen machen das Recycling zu einer immer wichtigeren Säule des globalen Goldmarktes – mit wachsender strategischer Relevanz für Investoren, Industrie und Staaten gleichermaßen.




