Die Sommer-Rally an den US-Börsen hat an Breite gewonnen. Nachdem Anfang des Jahres Megacap-Tech-Werte wie Nvidia, Microsoft und Broadcom unter Druck geraten waren, sind sie mittlerweile nicht nur zurück im Aufwind – auch bislang unterrepräsentierte Branchen wie Finanzwerte, Industrie und Versorger profitieren vom Stimmungsumschwung.
Laut Marktdaten liegt der Anteil der S&P-500-Unternehmen, deren Kurse über dem 50-Tage-Durchschnitt notieren, auf dem höchsten Stand seit Herbst 2024 – und damit auf dem Niveau vor Donald Trumps Wahlsieg. Auch andere Breitenindikatoren wie das Verhältnis steigender zu fallenden Aktien signalisieren eine gesunde Marktverfassung.
Dieser Stimmungswechsel speist sich aus mehreren Quellen: Zum einen haben sich die Sorgen um eine aggressive Zollpolitik Trumps vorerst gelegt, zum anderen wächst die Hoffnung, dass die US-Notenbank Federal Reserve bald mit Zinssenkungen beginnt. In Kombination mit einer nachlassenden Inflationsdynamik führt dies zu einer Neubewertung bislang gemiedener Sektoren.
„Wir sehen die klassische Marktmechanik: Tech läuft zuerst, dann folgt der breite Markt“, so Adam Turnquist, Chefstratege bei LPL Financial. Der Nasdaq Composite und der S&P 500 erreichten im Juni neue Allzeithochs – nicht nur wegen der sogenannten Magnificent Seven.
Auch auf der institutionellen Seite ist Bewegung zu spüren. Harris Financial Group mit 1,2 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen hat zuletzt bewusst auf konservative Titel gesetzt – darunter Verteidigungskonzerne wie Lockheed Martin. „Es war eine Frage der Zeit“, kommentiert Managing Partner Jamie Cox. Viele seiner Kunden würden gezielt weg von den überteuerten Tech-Titeln diversifizieren.
Die Bewertung spielt dabei eine zentrale Rolle: Während große Tech-Werte mittlerweile mit über dem 30-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt werden, liegt der Durchschnitt des S&P 500 bei rund dem 22-Fachen. Das schafft Spielraum für Nachzüglerbranchen, etwa bei Mid- und Small Caps, in die Investoren wie Eric Teal von Comerica Wealth Management nun gezielt einsteigen.
Gleichwohl hinken kleinere Titel wie im Russell 2000 noch hinterher. Eine Verschiebung der Risikoaversion – etwa durch klare geldpolitische Signale oder sinkende geopolitische Spannungen – könnte die Entwicklung beschleunigen, sagt George Pearkes von Bespoke Investment Group.
Die AI-Euphorie rund um Tech dürfte die Sektorrotation zwar nicht völlig verdrängen, aber sie relativiert: „Die Bewertungen der großen Namen schrecken langsam ab“, erklärt Brian Buetel von UBS Private Wealth Management. „Viele vergessen, dass es am Markt auch echte Schnäppchen gibt.“




