Der Pharmakonzern Bayer verschärft die Debatte um Arzneimittelpreise in Europa. Pharma-Vorstand Stefan Oelrich verlangt eine stärkere Annäherung an das US-Preisniveau – und warnt: Bleiben die Erlöse zu niedrig, könnten neue Medikamente in Europa gar nicht mehr auf den Markt kommen. Hinter der Forderung steht eine strategische Neuausrichtung mit klarer Priorität auf den US-Markt und milliardenschwere Wachstumshoffnungen aus der eigenen Pipeline.
„Wir müssen uns in Europa stärker an amerikanischen Preisen orientieren“, sagte Oelrich im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. In den USA kosten viele Medikamente ein Vielfaches der Preise in Europa – teils rund dreimal so viel wie im OECD-Durchschnitt. Anders als in Europa gibt es dort keine staatliche Preisregulierung.
Aus Sicht des Bayer-Managers ist dieser Abstand nicht haltbar: „Wenn wir überall Preise wie in europäischen Ländern nehmen würden, könnten wir unsere Forschung nicht finanzieren.“ Andernfalls drohe, dass innovative Arzneien hierzulande später oder gar nicht eingeführt würden.
Die Forderung steht im Spannungsfeld zur Politik von US-Präsident Donald Trump. Er will erreichen, dass Medikamente in den USA künftig zu Preisen vergleichbarer Industrieländer verkauft werden. Mehrere Pharmakonzerne haben bereits Preiszugeständnisse signalisiert – Bayer bislang nicht.
Oelrich betont, dass es noch keine Vereinbarung mit der US-Regierung gebe. Gleichzeitig ist der US-Markt für den Konzern strategisch zentral: Bayer gehört dort bisher nicht einmal zu den 20 größten Pharmaanbietern. „Wir wollen auch in den USA dort stehen, wo wir global stehen – unter den Top 20“, so Oelrich.
Das Wachstum soll vor allem aus einer Handvoll Schlüsselprodukte kommen. An der Spitze steht das Prostatakrebsmittel Nubeqa, das in den ersten neun Monaten 2025 bereits 1,7 Milliarden Euro Umsatz erzielte. Hinzu kommen vier weitere Kandidaten mit Blockbuster-Potenzial:
Auf der JP-Morgan-Healthcare-Konferenz in San Francisco sprach Oelrich zuletzt von der „besten Pipeline seit Langem“. Die Aktie reagierte mit Kursgewinnen.
Pharmakritiker sehen die Argumentation skeptisch. Die Drohung, Medikamente ohne höhere Preise nicht einzuführen, sei ein bekanntes Druckmittel, um Margen auszuweiten. Dass Forschungskosten allein höhere Preise rechtfertigten, werde bezweifelt – zumal viele Entwicklungen staatlich mitfinanziert würden.
Für Oelrich ist die Botschaft dennoch klar: Europa müsse sich entscheiden, ob es bereit sei, Innovationen angemessen zu vergüten. Andernfalls drohe der Kontinent im globalen Wettbewerb um neue Medikamente ins Hintertreffen zu geraten.




