Mit dem offiziellen Start seines neuen Verbundstandorts im chinesischen Zhanjiang im ersten Quartal 2026 setzt BASF eines der größten industriepolitischen Ausrufezeichen der vergangenen Jahre. Rund 8,7 Milliarden Euro hat der Konzern in den Aufbau investiert – es ist die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Für BASF ist das Projekt strategisch zwingend, für Kritiker ein geopolitisches Risiko.
Die Begründung des Managements ist klar: Das Wachstum der globalen Chemieindustrie verlagert sich nach Asien. BASF erwartet, dass bis 2035 rund 80 Prozent des Branchenwachstums aus der Region Asien-Pazifik kommen. China allein steht bereits heute für etwa die Hälfte des weltweiten Chemieumsatzes.
Gemessen daran ist BASF bislang unterrepräsentiert. 2024 entfielen nur rund 13 Prozent des Konzernumsatzes auf China – deutlich weniger als in Europa oder den USA. Der Standort Zhanjiang soll diese Lücke schließen. Produziert wird überwiegend für den lokalen Markt, nicht für den Export nach Europa.
Das neue Werk wird nach Ludwigshafen und Antwerpen der drittgrößte Verbundstandort von BASF. Auf rund vier Quadratkilometern entstehen ein Steamcracker mit einer Kapazität von einer Million Tonnen Ethylen pro Jahr sowie zahlreiche Folgeanlagen für Petrochemikalien, Kunststoffe und Zwischenprodukte. Rund 2.000 Beschäftigte sollen dort arbeiten, das Managementteam besteht überwiegend aus chinesischen Führungskräften.
BASF betont, dass der Standort vollständig mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden soll. Im Vergleich zu herkömmlichen petrochemischen Anlagen sollen die CO₂-Emissionen um bis zu 50 Prozent niedriger ausfallen. Der Konzern will sich damit als nachhaltiger Premiumanbieter im chinesischen Markt positionieren – bei gleichzeitig wettbewerbsfähigen Kosten.
Skeptiker verweisen auf geopolitische Risiken. Die Spannungen zwischen China und Taiwan, mögliche Sanktionen im Krisenfall und die Erfahrungen aus Russland lasten auf der Debatte. Fondsmanager sprechen von einer „riskanten Wette“, da China heute politisch und wirtschaftlich ein anderes Land sei als zum Zeitpunkt der Investitionsentscheidung.
BASF entgegnet, man beobachte geopolitische Entwicklungen laufend und bewerte Risiken in allen Ländern, in denen der Konzern aktiv ist. Zudem habe man sich 2024 bewusst von Joint-Ventures getrennt, die nicht mit den eigenen Menschenrechtsstandards vereinbar gewesen seien.
Der China-Vorstoß fällt in eine Phase, in der BASF unter schwacher Nachfrage, sinkenden Preisen und hoher Kostenbelastung leidet. In Europa wurden Anlagen stillgelegt, Sparprogramme und Stellenabbau laufen. Vorstandschef Markus Kamieth spricht von der schwierigsten Lage der Chemieindustrie seit 25 Jahren.
Gerade deshalb ist Zhanjiang für BASF mehr als ein neues Werk: Es ist der Versuch, Wachstum, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit neu zu verankern – außerhalb Europas. Ob diese Rechnung aufgeht, dürfte entscheidend für die mittelfristige Bewertung der BASF-Aktie sein.




