Nach mehreren schwachen Jahren könnte 2026 zum Wendepunkt für den deutschen IPO-Markt werden. Investmentbanken und Finanzinvestoren bereiten sich auf eine neue Welle von Börsengängen vor. Sowohl etablierte Großkonzerne als auch hochbewertete Start-ups prüfen ein Listing – teils aus strategischem Kalkül, teils aus wachsendem Exit-Druck.
Zu den prominentesten Kandidaten zählt die Aufzugsparte von Thyssenkrupp. TK Elevators wird von den Finanzinvestoren Advent und Cinven kontrolliert, die aktuell Gespräche mit begleitenden Banken führen. In Finanzkreisen ist von einer möglichen Bewertung um die 20 Milliarden Euro die Rede. Damit hätte der Börsengang das Potenzial, zu einem der größten IPOs in Europa seit Jahren zu werden.
Ebenfalls weit oben auf den Listen steht das Autoanzeigenportal Mobile.de. Die Private-Equity-Eigentümer Blackstone und Permira favorisieren dem Vernehmen nach einen Börsengang, bei einer kolportierten Bewertung von rund zehn Milliarden Euro. Parallel gibt es laut Reuters auch Übernahmeinteresse, unter anderem vom Tech-Investor Prosus.
Ein besonders stark nachgefragtes Segment ist der Verteidigungssektor. Der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS hat seine IPO-Pläne bereits öffentlich gemacht. Geplant ist eine Doppelnotierung in Frankfurt und Paris. Mit dem Erlös will das Unternehmen Produktionskapazitäten ausbauen, unter anderem für den Kampfpanzer Leopard 2. Die angestrebte Bewertung liegt laut Marktbeobachtern ebenfalls bei rund 20 Milliarden Euro.
Die Attraktivität des Sektors erklärt sich aus der geopolitischen Lage und den massiv steigenden Verteidigungsausgaben in Europa. Entsprechend groß ist das Interesse institutioneller Investoren.
Auch bei deutschen Start-ups wächst die Zuversicht. Nach dem letzten großen Börsengang mit Auto1 im Jahr 2021 hoffen Gründer und Investoren auf ein wieder geöffnetes IPO-Fenster.
Ein Kandidat ist das Berliner Fintech Raisin. Das Unternehmen verzeichnete 2024 ein starkes operatives Wachstum und steigerte sein Ebitda deutlich. Zu den Investoren zählt unter anderem Goldman Sachs. Ein Börsengang wird trotz internationaler Ausrichtung eher in Frankfurt erwartet.
Die Reiseplattform GetYourGuide hat kürzlich die Profitabilität erreicht und nähert sich der Umsatzmarke von einer Milliarde Euro. Aufgrund der starken internationalen Ausrichtung rechnen Marktteilnehmer eher mit einem Börsengang in New York als in Europa.
Der Münchner Softwareanbieter Celonis gilt ebenfalls als heißer Kandidat. Ein ursprünglich geplanter IPO wurde verschoben, könnte aber 2026 nachgeholt werden. Celonis konkurriert im Bereich Prozessautomatisierung direkt mit SAP-Lösungen und zählt zu den bekanntesten deutschen Tech-Unicorns.
Besondere Aufmerksamkeit erhalten die KI-Rüstungsfirma Helsing und der Drohnenhersteller Quantum Systems. Beide Unternehmen planen laut Investorenkreisen zunächst weitere Finanzierungsrunden, sogenannte Pre-IPO-Runden. Ein Börsengang gilt als wahrscheinlich, könnte sich jedoch auch ins Jahr 2027 verschieben.
Mit Bewertungen von rund zwölf Milliarden Euro für Helsing und etwa drei Milliarden Euro für Quantum Systems gehören beide zu den sogenannten Neo-Primes, die mittelfristig etablierten Rüstungskonzernen Marktanteile streitig machen wollen.
Neben den genannten Unternehmen kursieren weitere Namen: der KI-Übersetzungsdienst Deepl, der Mobilitätsanbieter Flix Mobility, die Robotikfirma Neura Robotics sowie die Handelsplattform Bitpanda. Auch das Fintech Sumup wird immer wieder genannt, wobei Berater laut Bloomberg eher zu einem Börsengang in London oder Frankfurt als in den USA raten.
Der wachsende Optimismus ist kein Zufall. Viele Private-Equity-Investoren warten seit Jahren auf Exit-Möglichkeiten. Der IPO-Markt war lange faktisch geschlossen. Sollte das Kapitalmarktumfeld stabil bleiben, könnte sich dieses Fenster 2026 öffnen.
Investmentbanker berichten von zunehmendem Zeitdruck, insbesondere in stark gefragten Sektoren wie Verteidigung und Technologie. Wer früh an den Markt geht, könnte sich einen First-Mover-Vorteil sichern – bevor mögliche externe Schocks die Stimmung wieder drehen.
Ob 2026 tatsächlich das große Comeback-Jahr für Börsengänge wird, hängt weniger vom Willen der Unternehmen ab als vom Marktumfeld. Die Pipeline ist gut gefüllt, der Exit-Druck hoch. Bleiben größere Verwerfungen aus, könnte Deutschland nach Jahren der Zurückhaltung wieder stärker auf der IPO-Landkarte erscheinen.




