Wall Street nähert sich Rekorden: Powell signalisiert Spielraum für Zinssenkungen, Nahost-Entspannung drückt Ölpreis deutlich.
An der Wall Street rückt ein neues Allzeithoch in greifbare Nähe. Der S&P 500 legte über 1 % zu, während der Nasdaq 100 sogar Kurs auf Rekordterritorium nahm. Rückenwind kam dabei gleich von zwei Seiten: einer brüchigen, aber stabilisierenden Waffenruhe zwischen Israel und Iran sowie deutlichen Andeutungen von Fed-Chef Jerome Powell, dass Zinssenkungen noch dieses Jahr wahrscheinlicher werden.
Powell erklärte vor dem House Financial Services Committee, die Federal Reserve sehe „keinen Grund zur Eile“, behalte aber „alle Optionen auf dem Tisch“, sollte sich Inflation weiter entspannen oder der Arbeitsmarkt Abkühlung signalisieren. Geldmärkte preisen inzwischen zwei Zinsschritte nach unten bis Jahresende ein; die Wahrscheinlichkeit für einen ersten Cut im Juli liegt laut Futures nun bei rund 20 % – noch vor einer Woche lag sie bei null.
Parallel verloren Staatsanleihen an Rendite: Zweijährige US-Treasuries sanken auf das niedrigste Niveau seit Anfang Mai. Auch der Dollar gab nach. Belastet von der geopolitischen Entspannung rauschte Öl deutlich in den Keller – West Texas Intermediate fiel um fast 6 % auf 64,56 Dollar pro Barrel.
Die Waffenruhe selbst hat US-Präsident Donald Trump über Nacht persönlich ausgerufen, nachdem Israel und Iran zuvor trotz Eskalation überraschend Gesprächsbereitschaft signalisiert hatten. Erste Brüche in der Vereinbarung sorgten zwar für Trumps Zorn auf Truth Social, doch die Lage beruhigte sich rasch. Für Börsianer ein willkommenes Signal: „Der Konflikt bleibt lokal begrenzt, was Risikofreude zurückbringt“, analysierte Chris Brigati von SWBC.
Die Stimmung bleibt dennoch abwartend. „Viele Anleger unterschätzen, wie teuer der Markt nach wie vor ist – trotz der Erleichterung an der Zinsfront“, warnte Matt Maley von Miller Tabak. Auch Bill Gross, der als „Bond-König“ gilt, sprach nur von einem „kleinen Bullenmarkt“ für Aktien, begleitet von einem „kleinen Bärenmarkt“ für Anleihen.
Dass die Wall Street seit April starke Rückschläge rasch wegsteckt, liegt auch am robusten US-Wachstum, das trotz Zollstreit und Nahost-Turbulenzen solide bleibt. Für Barclays-Stratege Emmanuel Cau sind geopolitische Schockwellen daher oft eher Einstiegsgelegenheiten als Auslöser für längere Korrekturen.
Mit Blick auf die anstehende Berichtssaison und das nächste Fed-Meeting Ende Juli könnten also weitere positive Impulse folgen – vorausgesetzt, die Inflation bleibt gezähmt und die Waffenruhe im Nahen Osten hält länger als nur ein paar Schlagzeilen lang.




