Seit Jahrhunderten orientieren sich Börsen am Tageslicht. Doch dieses Prinzip gerät ins Wanken. Während in Frankfurt noch Ruhe herrscht, laufen in Tokio bereits die Kurse. Wenn New York schließt, öffnet Sydney. Diese zeitliche Fragmentierung könnte bald der Vergangenheit angehören: Große Börsenplätze bereiten sich auf einen nahezu durchgehenden Handel vor.
Was im Kryptomarkt längst Alltag ist, könnte schon ab 2026 auch für Aktien und ETFs Realität werden – Handel fast rund um die Uhr. Treiber dieser Entwicklung sind weniger institutionelle Investoren als vielmehr eine neue Generation von Privatanlegern, die abends oder nachts per App investieren will.
An der Wall Street wird der Schritt konkret. Die Nasdaq hat im Dezember 2025 bei der US-Börsenaufsicht einen Antrag auf einen 23-Stunden-Handel an Werktagen gestellt. Die New York Stock Exchange ist bereits weiter: Sie erhielt die Genehmigung für einen 22-Stunden-Handel.
Damit steuern die USA 2026 erstmals auf einen nahezu durchgängigen Börsenbetrieb zu. Ziel ist es, Investoren aus Europa und Asien zu ermöglichen, schneller auf Unternehmensnachrichten, geopolitische Ereignisse oder Konjunkturdaten zu reagieren – unabhängig von den klassischen US-Handelszeiten zwischen 9.30 und 16.00 Uhr Ortszeit.
Auch in Europa gewinnt das Thema an Dynamik. Die London Stock Exchange Group prüft seit Monaten einen 24-Stunden-Handel. Analysiert werden technische Voraussetzungen, regulatorische Fragen und die Auswirkungen auf Liquidität und Doppelnotierungen. Bislang ist der Handel in London auf 8.00 bis 16.30 Uhr begrenzt.
Die Deutsche Börse zeigt sich zurückhaltender. In Frankfurt können Wertpapiere bereits von 8.00 bis 22.00 Uhr gehandelt werden – länger als in London. Technisch wäre ein 24-Stunden-Handel möglich, heißt es, aktuell fehle jedoch noch die Nachfrage der Marktteilnehmer.
In einzelnen Segmenten läuft der Rund-um-die-Uhr-Handel längst. Die Terminbörse Eurex bietet ein 21/5-Modell, also 21 Handelsstunden an fünf Tagen. Im Devisenhandel über 360T und bei Kryptoassets über Crypto Finance ist ein vollständiger 24-Stunden-Betrieb bereits Realität.
Damit zeigt sich: Die technische Infrastruktur ist vorhanden. Die Frage ist weniger das „Können“ als das „Wollen“.
Aus Zeitzonensicht ist Frankfurt gut positioniert. Die Lage zwischen Asien und den USA erlaubt es, beide Handelsphasen nahtlos zu verbinden. Die Deutsche Börse sieht darin einen potenziellen Standortvorteil im internationalen Wettbewerb der Handelsplätze – sofern sich der Markt tatsächlich in Richtung Dauerhandel bewegt.
Ein entscheidender Baustein ist die Abwicklung der Geschäfte. In den USA arbeitet die zentrale Clearingstelle DTCC daran, bis Ende 2026 eine Abrechnung rund um die Uhr zu ermöglichen. In einer Studie mit Ernst & Young rechnet sie damit, dass bis 2028 zwischen ein und zehn Prozent des gesamten US-Aktienvolumens außerhalb der klassischen Handelszeiten umgesetzt werden könnten.
Während Börsen und Broker Chancen sehen, reagieren viele Großbanken zurückhaltend. Institute wie J.P. Morgan oder Morgan Stanley warnen vor hohen Investitionen in Technik, Personal und Risikomanagement. Nachtbetrieb bedeutet zusätzliche Teams, höhere Kosten und komplexere Systeme – ohne Garantie auf entsprechende Mehreinnahmen.
Hinzu kommen Bedenken zur Marktqualität. In den Nachtstunden drohen geringere Liquidität, größere Geld-/Brief-Spannen und stärkere Kursschwankungen. Für Anleger könnte das höhere Handelskosten bedeuten.
Die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission hat zuletzt regulatorische Hürden gesenkt und damit längere Handelszeiten erleichtert. Befürworter sehen darin eine notwendige Anpassung an veränderte Anlegergewohnheiten.
Der Kapitalmarkt wandelt sich: Während früher institutionelle Investoren den Takt vorgaben, gewinnen Privatanleger über digitale Plattformen zunehmend an Bedeutung. Der 24-Stunden-Handel wäre die logische Konsequenz dieser Entwicklung – auch wenn sich erst noch zeigen muss, ob sich der dauerhafte Betrieb wirtschaftlich wirklich lohnt.




