Der ostwestfälische Hausgerätehersteller Miele steckt mitten in einer harten Sanierungsphase. Sparprogramme, Stellenabbau, Standortverlagerungen – der Traditionskonzern will bis 2028 rund 500 Millionen Euro einsparen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In genau dieser Umbruchsituation wurde das Unternehmen Ziel einer professionell organisierten Betrugsmasche. Eine Großfamilie soll systematisch eine Schwachstelle im Vertrieb genutzt und mehr als 200.000 Euro erbeutet haben.
Ausgangspunkt war ein Vertriebsmodell, das Miele vor einigen Jahren eingeführt hatte: Servicetechniker durften Kunden vor Ort direkt neue Geräte verkaufen. Die Ware wurde sofort geliefert, die Rechnung war innerhalb von vier Wochen zu begleichen. Eine Bonitätsprüfung erfolgte in diesem Prozess nicht.
Genau hier setzte die Tätergruppe an. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Bielefeld bestellte ein Clanmitglied zunächst einzelne hochpreisige Geräte – darunter einen Kaffeevollautomaten, einen Geschirrspüler und einen Staubsauger – allerdings unter dem Namen einer Verwandten. Da der Name ausländisch war, fiel dem Techniker nicht auf, dass es sich um einen weiblichen Vornamen handelte. Die Ware wurde ausgeliefert, die Rechnung blieb unbezahlt.
Nachdem der erste Versuch funktionierte, wurde das Vorgehen professionalisiert. Innerhalb von nur sieben Wochen orderten Mitglieder der Großfamilie bei verschiedenen Miele-Technikern rund 100 Geräte – Waschmaschinen, Trockner, Kühlschränke, Dampfgarer, Kochfelder, Staubsauger und weitere Kaffeevollautomaten. Der Gesamtwert: deutlich über 200.000 Euro.
Die Bestellungen liefen jeweils auf unterschiedliche Namen aus dem Familienumfeld, die Ware ging an wechselnde Lieferadressen. Da die Techniker keine Bonitätsabfrage durchführen mussten und die Aufträge formal korrekt wirkten, löste die Häufung zunächst keinen Alarm in der Zentrale aus.
Die Geräte waren nicht für den Eigenbedarf bestimmt. Laut Ermittlern wurden sie originalverpackt über Kleinanzeigenportale oder an lokale Händler weiterverkauft – meist für rund die Hälfte des Neupreises. Hochwertige Kaffeevollautomaten, die regulär rund 4000 Euro kosten, sollen für etwa 1700 Euro den Besitzer gewechselt haben.
Die Händler schöpften keinen Verdacht. Die Täter legten Originalrechnungen vor, und auf Nachfrage bestätigte Miele, dass es sich um regulär ausgelieferte Ware handelte. Strafrechtlich geraten die Wiederverkäufer deshalb nicht in den Fokus der Ermittlungen.
Im Frühjahr 2025 bemerkte Miele Unregelmäßigkeiten im Forderungsmanagement. Als klar wurde, dass zahlreiche Rechnungen offenblieben und die Empfänger nicht mit den Bestellern identisch waren, erstattete der Konzern Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld übernahm den Fall.
Die Ermittlungen führten zu Durchsuchungen in mehreren Städten in Nordrhein-Westfalen und Bremen. Da bei einem der Beschuldigten ein Zusammenhang mit Schusswaffen vermutet wurde, rückte teilweise ein Spezialeinsatzkommando an. Bei den Razzien wurden eine Schusswaffe und eine Stichwaffe sichergestellt.
Drei Brüder aus der Familie kamen zeitweise in Untersuchungshaft und legten Geständnisse ab. Gegen insgesamt fünf Personen – darunter der Vater der Brüder und die Lebensgefährtin eines Angeklagten – wurde Anklage erhoben.
Die rund 100 Verkäufe in kurzer Zeit werfen zwar Fragen auf, strafrechtlich geraten die beteiligten Miele-Servicetechniker jedoch nicht in den Fokus. Sie erhalten ihre Verkaufsprovisionen erst, wenn Kunden tatsächlich zahlen. Da dies in den Betrugsfällen nicht geschah, entstand ihnen persönlich kein finanzieller Vorteil.
Gegen die Mitarbeiter wird daher nicht ermittelt.
Nach Bekanntwerden der Betrugsserie hat Miele seine internen Prozesse überprüft und nach eigenen Angaben verschärft. Welche konkreten Maßnahmen eingeführt wurden – etwa verpflichtende Bonitätsprüfungen oder Einschränkungen beim Direktverkauf durch Techniker – will das Unternehmen mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht offenlegen.
Fest steht: In einer Phase, in der der Konzern ohnehin um Effizienz und Kostenkontrolle ringt, traf der Angriff eines kriminellen Clans Miele an einer empfindlichen Stelle – und zeigte, wie verwundbar selbst traditionsreiche Industrieunternehmen durch operative Detailprozesse werden können.




