Vor rund einem halben Jahr hatte Lidl den Wettbewerb im deutschen Lebensmittelhandel aufgeschreckt. Rund 500 Produkte sollten dauerhaft günstiger werden, sprachlich aufgeladen als „historische Preissenkung“. Ziel war klar: Im Dauerduell mit Aldi die Preisführerschaft zu beanspruchen und preissensible Kunden langfristig zu binden.
Eine exklusive Auswertung von mehr als 100.000 Kassenbons durch das Preisvergleichsunternehmen Smhaggle zeigt nun jedoch, dass ein erheblicher Teil dieser Senkungen nicht von Dauer war. Bei mehr als einem Viertel der damals reduzierten Produkte liegen die Preise heute wieder höher als zum Start der Aktion am 25. Mai. Im Durchschnitt sind diese Artikel um 3,9 Prozent teurer geworden.
Lidl selbst widerspricht der Analyse und erklärt, inzwischen seien sogar 900 Produkte dauerhaft günstiger als zum Stichtag der Aktion. Konkrete Produktlisten oder detaillierte Angaben zur Preisentwicklung veröffentlicht das Unternehmen jedoch nicht. Nachprüfbar sind diese Aussagen daher nicht.
Branchenexperten sehen darin ein bekanntes Muster. Nach Einschätzung von Marc Houppermans von Discount Retail Consulting dienen groß angelegte Preissenkungen häufig vor allem der öffentlichen Wahrnehmung. Sie sollen den Eindruck vermitteln, wer im Markt den Ton angibt. Ein echter, dauerhafter Preiskrieg wäre für beide Discounter wirtschaftlich kaum tragbar und würde hohe Verluste verursachen, ohne die Marktanteile entscheidend zu verschieben.
Der Hintergrund des Preiskampfs ist ein insgesamt hohes Preisniveau. Lebensmittel kosten heute im Schnitt mehr als ein Drittel mehr als noch 2020. Ursachen sind gestiegene Rohstoff-, Energie- und Personalkosten sowie Ernteausfälle infolge des Klimawandels.
Um Kunden zu beruhigen, setzen Lidl und Aldi immer wieder auf medienwirksame Senkungen bei einzelnen Produkten wie Butter, Kaffee oder Schokolade. Diese Aktionen prägen das Preisimage, haben aber kaum Einfluss auf die tatsächlichen Gesamtausgaben der Haushalte. Laut Smhaggle findet sich ein solches Aktionsprodukt im Schnitt nur in jedem 90. Einkaufskorb.
Die Smhaggle-Auswertung konzentrierte sich auf jene Produkte, die Ende Mai tatsächlich günstiger wurden. Statt der angekündigten 500 Artikel ließen sich nur rund 270 klar identifizieren. Bei deren erneuter Untersuchung zeigt sich ein differenziertes Bild: Rund zwei Drittel sind preislich unverändert, knapp ein Viertel teurer, weniger als zehn Prozent nochmals günstiger. Bei einem kleinen Teil blieb der Preis gleich, während die Packungsgröße schrumpfte – ein klassischer Fall von sogenannter Shrinkflation.
Für Verbraucher bedeutet das: Der kommunikative Effekt der Preisoffensive war größer als die reale Entlastung an der Kasse.
Im Zentrum des Discounter-Wettbewerbs steht weniger der einzelne Preis als das Image der Preisführerschaft. Für Lidl bedeutet das nach eigener Definition, der Taktgeber im Markt zu sein, dem die Konkurrenz folgt. Tatsächlich zeigen Daten, dass sich Preise im deutschen Lebensmitteleinzelhandel meist binnen kurzer Zeit angleichen – häufig bis auf den Cent.
Studien zufolge gibt es außerhalb kurzfristiger Aktionen kaum dauerhafte Preisunterschiede zwischen den großen Händlern. Aus Verbrauchersicht lässt sich daher kaum belegen, welcher Anbieter dauerhaft günstiger ist.
Ein Blick auf die realen Ausgaben unterstreicht diesen Befund. Der durchschnittliche Einkauf bei Lidl verteuerte sich 2025 laut Smhaggle-Daten von 28,72 auf 29,34 Euro. Bei Aldi Süd sank er im selben Zeitraum leicht. Von einer spürbaren, flächendeckenden Entlastung kann somit keine Rede sein.
Die Bilanz nach sechs Monaten fällt ernüchternd aus: Lidls Preisoffensive hat den Wettbewerb belebt und das Image geschärft, aber den Alltag der Verbraucher kaum günstiger gemacht. Der Preiskampf bleibt damit vor allem eines – ein strategisches Instrument im Ringen um Wahrnehmung und Vertrauen.




