Mit der Übernahme der Mehrheit an Media Markt und Saturn wollte JD.com den Grundstein für einen europäischen Elektronikriesen legen. Doch kaum ist der Einstieg vollzogen, stößt der chinesische Konzern auf unerwartet harte Grenzen. Eigentümerstrukturen, strategische Zielkonflikte und politische Interventionen bremsen den Expansionsplan – und werfen die Frage auf, wie viel Gestaltungsmacht JD.com in Europa tatsächlich haben wird.
Mit dem Erwerb von 59,8 Prozent an Ceconomy sichert sich JD.com die Kontrolle über Europas größte Elektronikhandelskette. Zu Ceconomy gehören die Marken Media Markt und Saturn. Der Konzern plant, Ceconomy im ersten Halbjahr 2026 von der Börse zu nehmen und langfristig zu einer technologiegetriebenen Handelsplattform auszubauen.
Zusätzlich verschafft sich JD.com indirekt einen bedeutenden Fußabdruck in Frankreich: Über Ceconomy hält der Konzern 22 Prozent am dortigen Marktführer Fnac Darty. Strategisch ist das ein starkes Paket – operativ jedoch deutlich komplexer als erwartet.
Ein zentrales Hindernis für JD.com ist die Eigentümerstruktur. Gleich zwei Großaktionäre haben sich entschieden, ihre Anteile nicht an den chinesischen Investor zu verkaufen. Die Holding Convergenta der Familie Kellerhals hält weiterhin 25,4 Prozent an Ceconomy. Hinzu kommt die Meridian Stiftung der Familie Schmidt-Ruthenbeck mit weiteren 11,1 Prozent.
Damit kontrollieren die beiden Gründerfamilien zusammen mehr als ein Drittel des Unternehmens. Zwar existiert mit Convergenta eine grundsätzliche Aktionärsvereinbarung, doch insbesondere die Meridian Stiftung hat bislang keine Absprachen mit JD.com getroffen. Für den neuen Mehrheitseigner bedeutet das: Jede strategische Neuausrichtung wird politisch sensibel und verhandlungsintensiv.
Auch inhaltlich sind zentrale Punkte ungeklärt. Besonders die Zukunft der Marke Saturn ist offen. Die Kette existiert nur noch in Deutschland und passt nur bedingt in die Vision eines paneuropäischen Champions. JD.com vermeidet bislang ein klares Bekenntnis und spricht lediglich davon, die bestehenden Marken weiterzuentwickeln.
Hinzu kommt ein möglicher Zielkonflikt im Sortiment. JD.com verfolgt das erklärte Ziel, chinesische Marken stärker in westlichen Märkten zu etablieren. Über die Plattform Joybuy testet der Konzern bereits den Direktvertrieb chinesischer Elektronikprodukte in mehreren europäischen Ländern. Sollte dieses Modell auf die Onlinekanäle von Media Markt ausgeweitet werden, drohen Spannungen mit westlichen Markenherstellern – und mit den bestehenden Eigentümern von Ceconomy.
Brisant ist zudem die Rolle von Joybuy selbst. Die Plattform befindet sich aktuell in mehreren europäischen Ländern in einer Beta-Phase und soll 2026 offiziell starten. Damit baut JD.com parallel zu Ceconomy einen eigenen Vertriebskanal auf, der in Teilen direkt konkurriert.
Die Frage, wie stark Joybuy und Media Markt künftig verzahnt oder voneinander abgegrenzt werden, ist bislang unbeantwortet. Für einen europäischen Plattformansatz wäre eine klare Rollenverteilung entscheidend – genau daran fehlt es bislang.
Besonders deutlich werden die Hürden in Frankreich. Zwar besitzt Ceconomy einen erheblichen Anteil an Fnac Darty, doch die französische Regierung hat JD.com enge Grenzen gesetzt. Eine Aufstockung der Beteiligung wurde ausdrücklich untersagt. Zudem darf JD.com keinerlei Einfluss auf die Unternehmensführung nehmen.
Der französische Wirtschaftsminister machte unmissverständlich klar, dass Fnac Darty aufgrund seiner kulturellen Bedeutung kein gewöhnlicher Händler sei. Die politische Botschaft ist eindeutig: Strategische Schlüsselunternehmen sollen nicht unter ausländische Kontrolle geraten, schon gar nicht aus China.
JD.com hat sich mit dem Einstieg bei Ceconomy einen starken Zugang zum europäischen Markt gesichert. Gleichzeitig zeigt sich, dass wirtschaftliche Mehrheiten nicht automatisch strategische Kontrolle bedeuten. Gründerfamilien mit Sperrminoritäten, konkurrierende Plattformstrategien und nationale Schutzmechanismen begrenzen den Handlungsspielraum erheblich.
Der Aufbau eines europäischen Elektronik-Champions bleibt damit möglich – aber deutlich komplizierter, langsamer und politischer als von JD.com ursprünglich kalkuliert. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der Konzern seine Vision an die europäischen Realitäten anpassen kann oder ob der große Plan an vielen kleinen Widerständen scheitert.




