Trotz gestiegener Reallöhne und mehrfacher Zinssenkungen bleibt der Konsum in Europa schwach. Die Haushalte sparen so viel wie seit der Corona-Pandemie nicht mehr – und gefährden damit das Wachstum, vor allem in Deutschland.
Die Sparquote im Euroraum liegt aktuell bei 15,45 Prozent, wie aktuelle Eurostat-Daten zeigen. Das ist deutlich mehr als im langjährigen Durchschnitt seit Einführung des Euro. „Der Corona-Nachholkonsum ist der Inflation und den Krisen zum Opfer gefallen“, sagt Michael Stappel, Volkswirt der DZ Bank. „Die Menschen bleiben bis heute vorsichtig.“
Dabei hat die Europäische Zentralbank (EZB) seit Mitte 2024 bereits achtmal die Zinsen gesenkt. Der Einlagenzins liegt derzeit bei 2,0 Prozent – also auf dem Niveau, das die Notenbank auch für die Inflationsrate als ideal ansieht. Doch die Zinssenkungen zeigen kaum Wirkung: Weder Konsum noch Investitionen ziehen merklich an.
In Deutschland ist die Sparneigung besonders ausgeprägt. Mit mehr als 19 Prozent liegt die Quote deutlich über dem EU-Durchschnitt und weit über dem Niveau von Ländern wie Italien oder Spanien. Deutsche Haushalte sparen zudem ineffizient: Ein Großteil des Vermögens – rund 37 Prozent – steckt in Bargeld und Sichteinlagen, die kaum verzinst werden.
„Das hohe Sicherheitsbedürfnis ist eine Nachwirkung der vergangenen Krisen“, erklärt Nicola Fuchs-Schündeln, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. „Viele Haushalte bauen sich bewusst Puffer auf, um sich gegen Schocks abzusichern.“ Hinzu komme der demografische Faktor: Die Babyboomer-Generation nähert sich dem Ruhestand – das Lebensalter mit der höchsten Sparquote.
Die Vorsicht zeigt sich besonders bei langlebigen Konsumgütern. Nach Daten von Goldman Sachs haben Verbraucher den Kauf von Autos, Möbeln oder Haushaltsgeräten deutlich zurückgestellt. Auch die Zahl der Verbraucherkredite geht zurück. Bei Lebensmitteln sorgt die anhaltend hohe Teuerung für zusätzliche Belastung – vor allem einkommensschwache Haushalte sparen hier spürbar.
Das Ifo-Institut hat für das Handelsblatt berechnet, welche Folgen eine anhaltend hohe Sparquote hätte: Sollte sie 2026 wieder auf elf Prozent steigen, würde das deutsche BIP um 0,3 Prozentpunkte langsamer wachsen. Der private Konsum bliebe nahezu stabil, und die Konsumausgaben der Haushalte lägen rund 20 Milliarden Euro niedriger als im Szenario sinkender Sparneigung.
Weniger Konsum bedeutet zudem geringere Unternehmensgewinne, niedrigere Einkommen – und letztlich auch sinkende Steuereinnahmen. Damit untergräbt die hohe Sparneigung indirekt die Wirkung der EZB-Zinspolitik, die eigentlich Wachstum und Nachfrage ankurbeln soll.
Die Lösung ist komplex. „Nur nachhaltiges Wachstum kann die Konsumfreude der Haushalte zurückbringen“, sagt Fuchs-Schündeln. Michael Stappel von der DZ Bank fordert entschlossene Strukturreformen: „Deutschland braucht weniger Bürokratie und mehr Reformtempo. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust ist eine Folge der schwachen Wachstumsaussichten.“
Ohne Kurswechsel droht Europa, und besonders Deutschland, in einer Sparfalle zu verharren – in der selbst niedrige Zinsen nicht mehr genügen, um den Kreislauf aus Unsicherheit, Zurückhaltung und Stagnation zu durchbrechen.




