Die Welt zerfällt in Einflusssphären, Großmächte denken wieder imperial, technologische Dominanz wird zur neuen Währung der Macht. In dieser neuen Ordnung droht Europa zwischen den Blöcken zerrieben zu werden. Der Ökonom Henning Vöpel erklärt, warum der Kontinent eine eigene geopolitische Strategie entwickeln muss – und warum sie grundlegend anders aussehen sollte als die der Großmächte.
Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA ist mehr als ein regionales Ereignis. Sie steht symbolisch für die Wiederkehr einer Denkweise, die viele für überwunden hielten: die Aufteilung der Welt in Machtzonen. Mit der faktischen Reaktivierung der Monroe-Doktrin bekräftigt Washington den Anspruch auf die westliche Hemisphäre – nicht aus ideologischen, sondern aus machtpolitischen Gründen.
Damit wird sichtbar, was sich seit Jahren abzeichnet: Die regelbasierte Ordnung der Nachkriegszeit weicht einer Logik der Großräume und Einflusssphären. Die Hoffnung, die Welt könne zu einer rationalen, multilateralen Stabilität zurückfinden, erweist sich als Illusion. Die neue Normalität heißt Konkurrenz der Imperien.
Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung liegt in der Phase nach 1989. Der Zusammenbruch der Sowjetunion schuf eine kurze unipolare Ordnung unter Führung der USA. Sie war jedoch, wie Vöpel betont, kein stabiles Gleichgewicht, sondern eine Übergangskonstellation. Die Annahme, liberale Demokratien würden sich weltweit durchsetzen, erwies sich als Fehleinschätzung.
Mit dem Aufstieg Chinas entstand erstmals seit dem Kalten Krieg wieder eine systemische Alternative zur westlichen Ordnung – ökonomisch erfolgreich, politisch autoritär, strategisch langfristig. Der Machtkonflikt zwischen Washington und Peking setzte eine Kettenreaktion in Gang: Russland gewann an Relevanz, regionale Mächte wie die Türkei oder Indien erweiterten ihren Handlungsspielraum, die Weltordnung geriet tektonisch in Bewegung.
Für die USA wurde die Rolle des globalen Ordnungshüters zunehmend zu kostspielig. Die Folge: Macht wird selektiver eingesetzt, Allianzen werden funktionaler, Interessen klarer priorisiert. Der Übergang zur Multipolarität ist nicht nur politisch, sondern auch militärisch und ökonomisch hochgradig konflikthaft.
Europa trifft diese Entwicklung besonders hart. Der Kontinent ist wirtschaftlich stark, technologisch relevant, politisch jedoch fragmentiert und sicherheitspolitisch abhängig. Seine Stabilität beruhte jahrzehntelang auf einer Ordnung, die nun zerfällt.
Vöpel spricht von einem strukturellen Souveränitätsdefizit: Europa ist zu groß, um ignoriert zu werden, aber zu zersplittert, um als Machtpol zu agieren. Während die USA ihre Interessen notfalls militärisch durchsetzen und China strategisch-industriepolitisch langfristig plant, fehlt Europa beides: die harte Macht und der politische Wille zur strategischen Zentralisierung.
Die Konsequenz: Europa läuft Gefahr, zwischen amerikanischer Sicherheitslogik, chinesischer Technologieexpansion und russischer Revision geopolitisch marginalisiert zu werden.
Die geopolitische Neuordnung fällt zeitlich mit einem zweiten, nicht minder tiefgreifenden Umbruch zusammen: dem Kampf um technologische Zentralität. Künstliche Intelligenz, Cloud-Infrastrukturen, Plattformökonomien und Datenökosysteme schaffen neue Machtzentren. Wer die digitalen Knotenpunkte kontrolliert, beeinflusst nicht nur Märkte, sondern Wahrnehmung, Kommunikation und politische Meinungsbildung.
Gleichzeitig wächst der Wettbewerb um Rohstoffe, Energie, Halbleiter und globale Netzinfrastrukturen. Der klassische Imperialismus der Territorien wird ergänzt durch einen Imperialismus der Technologien und Lieferketten. Vöpel spricht von einer neuen, aggressiven Form eines globalen, expansionsgetriebenen Technokapitalismus.
Europa steht damit vor einer paradoxen Aufgabe: Es muss seine Ordnung verteidigen, ohne selbst zur Machtordnung nach imperiale Muster zu werden. Die EU kann nicht wie die USA militärisch dominieren, nicht wie China staatlich gelenkte Industriepolitik betreiben und nicht wie Russland geopolitische Erpressung als Instrument einsetzen – und sie sollte es auch nicht wollen.
Doch genau daraus entsteht das Dilemma: Die normative Selbstbindung Europas – an Recht, Wettbewerb, Offenheit und Multilateralismus – begrenzt seine strategische Handlungsfähigkeit in einer Welt, die sich zunehmend von diesen Prinzipien entfernt.
Vöpels Schlussfolgerung ist klar: Europa darf die Logik der Großmächte nicht kopieren, weil es darin zwangsläufig verlieren würde. Stattdessen braucht es eine eigene, asymmetrische Geostrategie. Sie sollte auf vier Pfeilern beruhen:
Die Welt tritt in eine Phase ein, die von Machtpolitik, Technologiekriegen und Einflusssphären geprägt ist. Europa kann diese Entwicklung nicht stoppen – aber es kann entscheiden, wie es in ihr besteht.
Die zentrale Frage lautet nicht, ob Europa eine Großmacht werden will. Die Frage lautet, ob Europa fähig ist, seine eigene Ordnung in einer Welt der Machtpolitik zu behaupten. Eine europäische Geostrategie ist daher kein Ausdruck von Militarisierung, sondern von Selbstbehauptung. Ohne sie droht dem Kontinent nicht militärische Niederlage, sondern strategische Bedeutungslosigkeit.




