Die klassischen Wachstumsmärkte USA und China brechen weg, Europa springt ein. Eine neue IW-Studie zeigt, wie sehr sich die Gewichte im Welthandel verschieben – und warum die EU für Deutschlands Exportwirtschaft zur letzten Stabilitätsankerzone wird.
2025 war für die deutsche Exportindustrie ein Jahr der Ernüchterung. Gleich zwei der wichtigsten Absatzmärkte fielen nahezu zeitgleich aus: die USA und China. In Washington belastete die erneute Zollpolitik unter Präsident Donald Trump das Geschäft spürbar, während China für deutsche Anbieter strukturell an Attraktivität verlor.
Das Ergebnis ist drastisch: In den ersten drei Quartalen des Jahres gingen die deutschen Ausfuhren in die USA um knapp acht Prozent zurück, nach China sogar um rund zwölf Prozent. Besonders schmerzhaft für ein Land, dessen Wohlstand maßgeblich vom Export lebt.
Während der Rückgang im US-Geschäft politisch erklärbar ist, liegt das Problem in China tiefer. Die Volksrepublik hat in zentralen Industrien – vom Automobilbau bis zum Maschinenbau – technologisch aufgeholt oder deutsche Anbieter teilweise sogar überholt. Gleichzeitig steuert Deutschland 2025 auf ein Handelsdefizit mit China von fast 90 Milliarden Euro zu.
China fällt damit erstmals seit 2010 aus den Top fünf der wichtigsten deutschen Exportmärkte heraus. Ein Warnsignal, das weit über konjunkturelle Schwankungen hinausgeht.
Trotzdem ist ein offener Exporteinbruch bislang ausgeblieben. Der Grund: Europa. Laut einer neuen Studie des Institut der deutschen Wirtschaft, die mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes erstellt wurde, konnten höhere Ausfuhren in EU-Staaten einen Großteil der Verluste ausgleichen.
Allein aus der Europäischen Union kam ein positiver Wachstumsbeitrag von mehr als 1,5 Prozentpunkten – fast exakt so viel, wie USA und China zusammen nach unten gezogen haben. Nominal legten die deutschen Exporte dadurch insgesamt sogar leicht zu, real – also inflationsbereinigt – blieb allerdings ein Minus.
Besonders stark entwickelten sich die Exporte nach Polen, Spanien und in die Schweiz. Zwar lag das prozentuale Wachstum innerhalb der EU unter drei Prozent, doch der Effekt ist enorm: Rund 70 Prozent aller deutschen Exporte gehen inzwischen in europäische Länder.
Damit zeigt sich ein klarer Trend. Während globale Absatzmärkte politisch riskanter und wirtschaftlich unsicherer werden, gewinnt der europäische Binnenmarkt strategisch an Bedeutung. Das IW spricht offen von Europa als „Stabilisator“ für die deutsche Exportwirtschaft.
Aus Sicht der Studienautoren reicht diese Stabilisierung jedoch nicht aus. Um wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu kommen, müsse der innereuropäische Handel gezielt gestärkt werden. Dazu gehören der Abbau regulatorischer Hürden, aber auch bessere Handelsbedingungen mit Partnern wie dem Vereinigten Königreich und der Schweiz – insbesondere im immer wichtigeren Dienstleistungssektor.
Gleichzeitig fordert das IW von der EU ein härteres Auftreten gegenüber den USA. Die hohen Zölle auf weiterverarbeitete Stahl- und Aluminiumprodukte gelten als akute Gefahr für die Exportentwicklung im kommenden Jahr.
Besonders deutlich fällt die Analyse mit Blick auf China aus. Eine dauerhafte Erholung der Exporte sei kaum realistisch. Zu stark seien Chinas Autarkiebestrebungen, zu ausgeprägt staatliche Subventionen und Wettbewerbsverzerrungen. Appelle an Peking dürften wirkungslos bleiben.
Die Konsequenz: Die EU müsse bedrohte Industrien stärker schützen – notfalls mit eigenen Handelsschranken. Denn während die Exporte nach China sinken, steigen die Importe weiter kräftig. Zwölf Prozent aller deutschen Einfuhren stammen inzwischen aus der Volksrepublik. Von echtem „Derisking“ könne keine Rede sein.
Die IW-Studie zeichnet ein klares Bild: Europa ist nicht mehr nur Ergänzung, sondern zentrale Säule der deutschen Exportstrategie. Nicht aus idealistischen Gründen, sondern weil Alternativen wegbrechen.
Ob daraus neue Stärke entsteht oder lediglich Schadensbegrenzung betrieben wird, hängt nun von der europäischen Handelspolitik ab. Sicher ist nur: Ohne ein funktionierendes Europa wird Deutschlands Exportmodell künftig kaum noch tragfähig sein.




