Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater warnt vor Tech-Überraschungen, politischer Abschottung und neuen Finanzstrukturen
Die Weltwirtschaft geht mit Rückenwind aus dem Jahr 2025 – doch für die Kapitalmärkte ist das kein Selbstläufer. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, sieht gleich mehrere Entwicklungen, die 2026 zu echten Stolperfallen werden könnten. Während viele Anleger auf Wachstum und stabile Erträge setzen, wächst im Hintergrund die Zahl der systemischen Risiken.
Ganz oben auf Katers Risikoliste steht der Technologiesektor, insbesondere die KI-getriebene Investitionswelle. Zwar unterscheidet sich der aktuelle Boom deutlich vom Internet-Hype der frühen 2000er-Jahre: Die führenden Unternehmen erzielen bereits heute hohe Umsätze und finanzieren Investitionen größtenteils aus eigener Kraft. Auch die Bewertungen gelten im historischen Vergleich als moderater.
Doch genau hier liegt die Gefahr. Sollte sich herausstellen, dass Teile der heutigen Ertragskraft oder sogar ganze Geschäftsmodelle weniger tragfähig sind als angenommen, könnten selbst nüchterne Märkte empfindlich reagieren. Die derzeit vergleichsweise geringe Euphorie an den Börsen schützt zwar vor Panik – nicht aber vor fundamentalen Enttäuschungen.
Ein weiteres Risiko sieht Kater in der zunehmenden politischen Einflussnahme auf den Welthandel. Die USA haben 2025 ihre dominante Stellung genutzt, um durch Zölle und handelspolitischen Druck eigene Vorteile auszubauen. Viele Handelspartner akzeptierten diese Belastungen, weil der Zugang zum US-Markt weiterhin überwiegt.
Doch die Agenda ist aus Katers Sicht noch nicht abgeschlossen. Die Folge könnte eine weitere Aufspaltung der Weltwirtschaft sein – mit langfristigen Konsequenzen für Handel, Kapitalflüsse und Wachstum. Noch zeigen sich die globalen Lieferketten widerstandsfähig. Ob diese Resilienz bei weiteren Eingriffen und geopolitischen Spannungen anhält, bleibt offen.
Besonders aufmerksam blickt Kater auf strukturelle Veränderungen im Finanzsektor. In den USA haben in den vergangenen Jahren zunehmend Kreditgeber aus dem Nichtbankensektor Aufgaben übernommen, die Banken aus regulatorischen Gründen meiden. Diese sogenannten Private-Credit-Strukturen wachsen schnell – häufig unter Beteiligung klassischer Banken im Hintergrund.
Ähnliches gilt für den Kryptosektor, in dem sich ebenfalls neue, teils intransparente Finanzierungsmodelle etabliert haben. Neue Instrumente sind anfällig für Fehlanreize und Missbrauch, vor allem wenn Aufsicht und Marktteilnehmer mit dem Tempo der Entwicklung nicht Schritt halten. Eine unkontrollierte Ausbreitung könnte im Ernstfall auch den traditionellen Bankensektor belasten.
Neben diesen bekannten Risiken sieht Kater einen paradoxen Gefahrenherd: den guten Zustand der US-Wirtschaft. Sollten Konjunktur und Arbeitsmarkt stärker überraschen als erwartet, könnten rasch steigende Zinsen die Folge sein. Höhere Finanzierungskosten würden dann neue Spannungen im Finanzsystem erzeugen – mit direkten Auswirkungen auf Anleihe-, Aktien- und Kreditmärkte.
Für Anleger bedeutet das: Viele der Risiken für 2026 sind bekannt und eingepreist. Wirklich gefährlich könnten jedoch jene Entwicklungen werden, die unterschätzt werden oder aus positiven Überraschungen entstehen. Gerade darin liegt laut Kater das größte Krisenpotenzial für die kommenden Kapitalmarktjahre.




