Internationale Kanzleien verlassen China, während heimische Wettbewerber Marktanteile sichern und westliche Partner abwerben.
Die Marktverschiebung im asiatischen Rechtssektor nimmt konkrete Formen an: Chinas führende Wirtschaftskanzleien bauen ihre Präsenz in Hongkong massiv aus, während internationale Sozietäten angesichts geopolitischer Spannungen und eines schwächelnden Dealmarktes zunehmend Büros schließen. Zuletzt beendete die US-Kanzlei Winston & Strawn ihr China-Engagement vollständig und schloss nach dem Hongkonger Standort auch ihr Büro in Shanghai.
Die vakanten Positionen nutzen chinesische Großkanzleien gezielt, um sich mit erfahrenen Juristen aus US- und UK-Kanzleien zu verstärken. In den vergangenen zwölf Monaten wechselten mindestens 14 Partner zu Häusern wie JunHe, Zhong Lun oder Jia Yuan. Besonders gefragt sind Fachgebiete wie Kapitalmarkt- und Transaktionsrecht. Einige Wechsel erfolgten inklusive ganzer Teams – wie im Fall von Wanda Woo, vormals Partnerin bei A&O Shearman, die im Oktober mit neun Kollegen zu Jia Yuan ging.
Zunehmend dominieren chinesische Kanzleien auch das Emissionsgeschäft: Bei 20 Prozent der 70 Börsengänge in Hongkong im Jahr 2023 fungierten Festlandskanzleien als führender Berater auf Emittentenseite – ein Bereich, der lange von internationalen Kanzleien beherrscht wurde. 2018 lag ihr Anteil noch bei 15 Prozent.
Kostenvorteile sind ein zentrales Argument. Während internationale Top-Kanzleien bis zu 1.600 US-Dollar pro Stunde verlangen, bieten chinesische Häuser vergleichbare Leistungen teils für weniger als ein Drittel. „Das verschafft uns einen enormen Vorteil gegenüber früher“, sagte ein Anwalt, der kürzlich von einer US-Kanzlei zu einer chinesischen wechselte.
Für viele US- und UK-Kanzleien ist der asiatische Markt derzeit ein Verlustgeschäft. Felix Lee von der Personalberatung SSQ nennt unflexible Honorarmodelle und fehlende lokale Nähe als Ursachen für den schwindenden Einfluss. Auch langjährige Garantiezahlungen an nicht mehr performende Partner belasten die Profitabilität.
Dabei bleibt die regulatorische Expertise westlicher Kanzleien vorerst ein Differenzierungsmerkmal. „Viele chinesische Kanzleien haben noch nicht die Infrastruktur, um etwa bei US-Rechtsfragen oder SEC-Anforderungen rund um IPOs vollumfänglich zu beraten“, sagte ein Partner einer US-Kanzlei in Hongkong.
Gleichzeitig ist der politische Druck gestiegen. US-Kanzleien, die früher von lukrativen Mandaten rund um chinesische Auslandsemissionen profitierten, sehen sich nun mit wachsender Zurückhaltung auf beiden Seiten konfrontiert – chinesische Mandanten bevorzugen zunehmend heimische Berater, während internationale Sozietäten mit geopolitischen Risiken hadern.
Für chinesische Kanzleien eröffnet sich damit eine strategische Chance, die sie konsequent nutzen. „Früher lehnten internationale Partner ein Wechselangebot aus China ab“, so ein Headhunter aus Hongkong. „Heute müssen sie es ernsthaft in Erwägung ziehen.“




