BMW polarisiert wie kaum ein anderer Autobauer. Die Designsprache der Münchner ist kommerziell erfolgreich, ästhetisch aber hoch umstritten. Während Kritiker von Geschmacklosigkeit sprechen, kaufen die Kunden weiter. Mit der „Neuen Klasse“ wagt BMW nun einen stilistischen Neustart. Ob er gelingt, entscheidet über mehr als nur Designfragen.
Kaum ein Modell steht so sehr für die aktuelle Debatte wie der BMW XM. Das überdimensionierte SUV ist mehr als fünf Meter lang, extrem breit, fast drei Tonnen schwer – und mit einem massiven Kühlergrill ausgestattet. Der ADAC nannte das Fahrzeug eine „rollende Provokation“, andere Beobachter sprechen von demonstrativer Überzeichnung.
BMW selbst bezeichnet den XM als extravagantes Statement. Chefdesigner Adrian van Hooydonk reagiert gelassen auf die Kritik. Schönheit, so seine Haltung, sei kein objektiver Maßstab, sondern eine Frage der Definition.
Van Hooydonk prägt das Design von BMW seit mehr als 15 Jahren. Mit 61 Jahren hat er die interne Altersgrenze für Führungskräfte überschritten, ein Nachfolger ist bislang nicht benannt. Seine womöglich letzte große Aufgabe: BMWs Design neu auszurichten.
Mit der kommenden Modellgeneration, der sogenannten „Neuen Klasse“, will BMW nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch einen klaren Bruch vollziehen. Die Zukunft der Marke hängt damit wesentlich an dieser Designentscheidung.
Auf der IAA in München stellte BMW im September erstmals den neuen iX3 vor. Auffälligstes Detail: Die übergroßen „Nieren“ früherer Modelle sind deutlich geschrumpft. Der Kühlergrill ist wieder schmaler, vertikal ausgerichtet und orientiert sich stärker an historischen BMW-Formen.
Die Inspiration stammt aus den 1960er- und 1970er-Jahren, etwa von der ursprünglichen „Neuen Klasse“ ab 1962 oder dem BMW 2002. Auch der kommende elektrische 3er, der neue i3, soll diese Designsprache weitertragen. Die Serienfertigung startet im Münchner Stammwerk im kommenden Jahr.
Die neue Designsprache entstand in enger Zusammenarbeit mit BMW Designworks. Dessen Leiterin Julia de Bono beschreibt die Entwicklungsphase als eine Art Start-up innerhalb des Konzerns. Ziel sei es gewesen, das Auto wieder als ruhige, klare Basis zu gestalten.
Größere Fenster, niedrigere Linien, mehr Licht im Innenraum – das Fahrzeug soll bewusst zurückhaltend wirken. Die Individualisierung erfolgt vor allem digital, etwa über ein großflächiges Head-up-Display. Nutzer sollen selbst entscheiden, wie sie ihr Fahrzeug erleben, unabhängig vom Markt oder Kulturraum.
Designexperten sehen den Stilwechsel nicht als Widerspruch zur BMW-DNA. Martin Groschwald vom Designhaus Konzepthaus betont, dass BMW traditionell bewusst mit seiner eigenen Vergangenheit bricht. Der iX3 sei deshalb konsequent anders als frühere Modelle – und genau das mache ihn glaubwürdig.
Auch Branchenberater Christian Koenig, der unter anderem für Porsche in Nordamerika gearbeitet hat, sieht in der „Neuen Klasse“ einen großen Wurf. BMW setze damit Maßstäbe, nicht nur im Design, sondern auch technologisch.
Der Erfolg des neuen Designs ist für BMW von zentraler Bedeutung. In den ersten neun Monaten des Jahres ist das Ergebnis im Autogeschäft um rund 15 Prozent gesunken. Im Herbst musste der Konzern seine Jahresprognose senken.
Studien zeigen, dass Design nach der Zuverlässigkeit das wichtigste Kaufkriterium für Neuwagen ist. Die Beratungsgesellschaft Simon Kucher verweist darauf, dass Fahrzeuge ohne ansprechendes Design gar nicht erst in die engere Auswahl kommen. Gerade für BMW, dessen Kundschaft als besonders markentreu gilt, ist der Balanceakt zwischen Erneuerung und Wiedererkennbarkeit entscheidend.
Besonders wichtig ist der Erfolg der „Neuen Klasse“ in China. Dort liefern sich mehr als 100 Automarken einen harten Wettbewerb. Für den chinesischen Markt plant BMW eigene Versionen mit längerem Radstand.
Designberater Groschwald sieht hier Chancen. Viele chinesische Hersteller ähnelten sich optisch stark. Der neue iX3 sei vertraut genug, um zu funktionieren, aber markant genug, um sich abzuheben. Kooperationen mit Tech-Unternehmen wie DeepSeek könnten diesen Effekt verstärken.
Offizielle Vorbestellungszahlen nennt BMW nicht, doch Vorstandschef Oliver Zipse sprach zuletzt von einer über den Erwartungen liegenden Nachfrage. Nach Unternehmensangaben entfiel im Herbst jede dritte Vorbestellung eines Elektrofahrzeugs auf den iX3. In den ersten sechs Wochen gingen allein in Deutschland rund 3000 Bestellungen ein.
Auch Analysten, etwa von Jefferies, bewerten das Modell positiv. Gelobt werden nicht nur das äußere Design, sondern auch die digitalen Funktionen, die für viele Kunden mittlerweile entscheidender sind als die reine Form.
Bleibt die Frage, ob BMW mit dem neuen, ruhigeren Design Kunden verliert, die die expressive Ästhetik der vergangenen Jahre schätzten. Van Hooydonk sieht darin kein Risiko. Die Welt werde immer lauter, sagt er, umso wichtiger sei es, gestalterisch Ruhe zu schaffen.
Ganz verabschieden will sich BMW von provokanten Modellen aber nicht. Fans des XM dürfen hoffen. Auch künftig soll es expressive Fahrzeuge geben – nur nicht mehr als alleinigen Maßstab für die Marke.




