Eine Biotech-Firma aus Stevenage fordert die Großen der Branche heraus – mit einer Therapie, die Nebenwirkungen senken und Leben retten könnte. Doch das hat seinen Preis.
Zwischen den unscheinbaren Läden und Cafés in der High Street von Stevenage, einer englischen Pendlerstadt, verbirgt sich eine hochmoderne Produktionsstätte, die an der Spitze der medizinischen Innovation steht. Hier entwickelt und produziert die britische Biotech-Firma Autolus eine bahnbrechende Therapie, die nicht nur Blutkrebs bekämpft, sondern auch einige der größten Herausforderungen der modernen Onkologie angeht.
Mit der FDA-Zulassung im November startet Autolus den Verkauf von Aucatzyl, einer neuen CAR-T-Zelltherapie zur Behandlung der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL). Diese Form des Blutkrebses betrifft jährlich tausende Menschen – und für viele Patienten ist Aucatzyl eine Hoffnung, wenn alles andere versagt hat.
CAR-T-Therapien gelten als Meisterstück der personalisierten Medizin. Sie arbeiten, indem Immunzellen eines Patienten entnommen, genetisch modifiziert und anschließend wieder in den Körper eingeführt werden. Diese Zellen werden darauf programmiert, Tumorzellen effizienter zu zerstören. Seit der Einführung 2017 haben sie für einige Patienten langanhaltende Remissionen ermöglicht.
Doch der Traum von der Krebsheilung hat seinen Preis: Die Herstellung ist aufwendig, die Nebenwirkungen teilweise schwerwiegend und die Kosten immens. Die bisherigen sechs CAR-T-Therapien auf dem Markt generieren zwar beeindruckende Umsätze – allein im letzten Quartal 1,2 Milliarden Dollar –, werden jedoch oft nur als letzter Ausweg eingesetzt.
Hier setzt Aucatzyl an. Die neue Therapie wurde so entwickelt, dass sie sich kürzer an Krebszellen bindet, wodurch die Nebenwirkungen reduziert werden sollen. Christian Itin, CEO von Autolus, betont: „Die erste Generation war wie ein Vorschlaghammer. Die zweite wird präziser sein.“
Autolus hat starke Partner an seiner Seite. Bereits 2021 investierte die Private-Equity-Firma Blackstone 250 Millionen Dollar, um die Entwicklung der Produktionsstätte in Stevenage voranzutreiben. In diesem Jahr folgte der deutsche Impfstoffhersteller BioNTech mit weiteren 200 Millionen Dollar. Diese Investitionen zeigen das Vertrauen in Aucatzyls Potenzial – und in den lukrativen Markt, den die Therapie bedienen könnte.
Die Daten zur Wirksamkeit sind vielversprechend, wenn auch nicht überwältigend: In späten klinischen Studien erzielten 27 von 65 Patienten eine vollständige Remission nach drei Monaten. Zum Vergleich: Der Hauptkonkurrent Tecartus von Gilead erreichte eine höhere Erfolgsquote, allerdings sind die Ergebnisse schwer direkt vergleichbar. Zudem ist Aucatzyl mit einem Preis von 525.000 Dollar pro Infusion teurer als Tecartus (424.000 Dollar).
Autolus verteidigt den hohen Preis mit einem entscheidenden Argument: Geringere Nebenwirkungen könnten die Belastung für das Gesundheitssystem reduzieren, da weniger Betten auf Intensivstationen reserviert werden müssen. „Das spart Kosten und verbessert die Patientenversorgung“, erklärt Chris Vann, COO von Autolus.
Die Herstellung von Aucatzyl ist ein logistisches Kunststück: Die Immunzellen der Patienten werden in den USA entnommen, nach Stevenage geflogen, dort modifiziert und anschließend zurücktransportiert. Dies erfordert eine perfekt abgestimmte Lieferkette, da Verzögerungen lebensbedrohlich sein können. Ein behandelnder Arzt bringt es auf den Punkt: „Wenn die Therapie nicht innerhalb von zwei bis drei Wochen zurückkommt, verlieren Sie den Patienten.“
Autolus arbeitet daran, Engpässe zu vermeiden und erwägt, in Zukunft auch eine Produktionsstätte in den USA zu eröffnen – abhängig von der Nachfrage.
Während Aucatzyl zunächst nur für rund 3.000 ALL-Patienten verfügbar sein wird, könnten CAR-T-Therapien bald in völlig neuen Bereichen Anwendung finden. Erste Tests in Deutschland zeigen vielversprechende Ergebnisse bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus. Sollte sich dies bewahrheiten, stünden der Technologie Milliardenmärkte offen.
Doch bis dahin bleibt Autolus auf dem Boden der Tatsachen. „Bei der aktuell kleinen Zielgruppe ist unser zentralisiertes Modell die richtige Strategie“, sagt Nicholas Galakatos, globaler Leiter der Life Sciences bei Blackstone.
Mit Aucatzyl wagt Autolus den Angriff auf die Großen der Branche. Die Therapie kombiniert innovative Wissenschaft mit strategischer Präzision – und könnte den Markt für personalisierte Krebstherapien nachhaltig verändern. Ob sie jedoch ihr volles Potenzial entfalten kann, hängt von der Bereitschaft der Ärzte und Patienten ab, auf die neue Technologie zu setzen.




