Über zwei Jahre lang herrschte Stillstand. Trotz Milliardeninvestitionen, technischer Durchbrüche und medialem Dauerhype kam es im KI-Sektor kaum zu Verkäufen oder Börsengängen. Bewertungen galten als überzogen, Geschäftsmodelle als zu unreif. Doch das Blatt wendet sich. 2026 könnte für KI-Gründer und Investoren zum Wendepunkt werden – auch in Europa.
Ein wichtiges Signal kam bereits 2025 aus Deutschland: Der Verkauf des Düsseldorfer KI-Start-ups Cognigy an den US-Konzern NiCE für rund 955 Millionen Dollar markierte einen der größten KI-Exits Europas. Der Deal zeigte, dass funktionierende KI-Geschäftsmodelle wieder Käufer finden – nicht als Vision, sondern als skalierbares Produkt.
Für Wagniskapitalgeber ist das entscheidend. Denn Venture Capital funktioniert nur, wenn Investoren ihr Kapital irgendwann realisieren können. Bleiben Exits aus, versiegt der Geldfluss – mit direkten Folgen für Neugründungen und Innovation.
Laut Branchenexperten war genau das in den vergangenen zwei Jahren zu beobachten: kaum Börsengänge, kaum Übernahmen, entsprechend große Zurückhaltung bei neuen Investments. Der Cognigy-Deal wirkt daher wie ein Befreiungsschlag. Er zeigt drei Dinge: Exit-Kanäle funktionieren wieder, KI aus Europa ist verkaufbar – und US-Konzerne suchen gezielt auf dem europäischen Markt.
Zahlen untermauern diese Entwicklung. Nach Daten von Pitchbook hat sich das Volumen von KI-Übernahmen in Europa 2025 mehr als verdoppelt. In Deutschland setzte der Trend bereits 2024 ein und gewann 2025 weiter an Fahrt, auch wenn viele Kaufpreise nicht öffentlich wurden.
Auffällig ist dabei, wo Deals zustande kommen: weniger bei großen Basismodellen, mehr bei sogenannten Applied-AI-Anwendungen. Gemeint sind Lösungen, die messbare Effizienzgewinne oder Umsätze liefern – etwa in Industrie, Logistik, Recht, Gesundheit oder Finanzdienstleistungen.
Genau hier sehen Käufer den größten Mehrwert. Viele Konzerne haben zunächst versucht, KI selbst zu entwickeln. Doch eigene Teams, Pilotprojekte und lange Entwicklungszeiten haben oft nicht den erhofften Durchbruch gebracht. Inzwischen setzt ein Umdenken ein: Statt selbst zu bauen, wird gekauft – zunächst über Partnerschaften, später über Übernahmen.
Ein strukturelles Muster bleibt jedoch bestehen: Die meisten Käufer stammen aus den USA. Dort gehören Übernahmen seit Jahrzehnten zur Wachstumsstrategie. Europäische Konzerne agieren deutlich vorsichtiger, auch wegen hoher Bewertungen und regulatorischer Unsicherheiten.
Aus Sicht amerikanischer Unternehmen ist Europa dennoch attraktiv. Viele hiesige KI-Firmen sind günstiger bewertet als vergleichbare US-Anbieter, verfügen aber über starke Technologie. Hinzu kommt der Vorteil europäischer Datenschutzstandards – insbesondere für Kunden aus sensiblen Bereichen wie Cloud, Cybersecurity oder Verteidigung.
Neben Übernahmen rückt auch der Kapitalmarkt wieder in den Fokus. Der globale IPO-Markt zeigt erste Lebenszeichen. Laut KPMG erreichte der weltweite Exit-Wert im dritten Quartal 2025 rund 150 Milliarden Dollar – der höchste Stand seit Ende 2021. Treiber waren vor allem US-Börsengänge und große Tech-Übernahmen.
In Europa blieb der IPO-Markt dagegen bislang verhalten. Viele KI-Unternehmen sind noch nicht profitabel oder müssen ihre Strukturen erst börsenreif machen. Entsprechend rechnen Experten mit einer Vorbereitung 2026 – und tatsächlichen Börsengängen eher ab 2027.
In den USA könnten jedoch schon 2026 wegweisende Börsengänge stattfinden. Als Kandidaten gelten unter anderem OpenAI, Anthropic und Cohere. Sollten diese IPOs erfolgreich verlaufen, könnten sie auch europäischen Unternehmen den Weg ebnen.
In Europa werden Namen wie Mistral AI, DeepL oder Quantum Systems immer wieder genannt. Ob sie den Gang an die Börse wagen – und wo – ist offen. Die USA bieten höhere Bewertungen, Europa hingegen ein regulatorisch vertrauteres Umfeld.
Trotz der wachsenden Exit-Fantasie bleibt ein zentrales Risiko bestehen: die Kostenstruktur von KI-Unternehmen. Hohe Ausgaben für Rechenleistung, Infrastruktur und Energie stehen oft noch überschaubaren Umsätzen gegenüber. Genau hier entzündet sich die Debatte um eine mögliche KI-Blase.
Misslingen erste KI-Börsengänge, könnte die Euphorie schnell wieder kippen. Ein warnendes Beispiel war der enttäuschende IPO des französischen Start-ups LightOn Ende 2024.
2026 hat das Potenzial, zum Jahr der KI-Exits zu werden – auch in Europa. Übernahmen nehmen zu, IPO-Vorbereitungen laufen, das Kapital kehrt langsam zurück. Doch der Markt bleibt selektiv. Gefragt sind keine Visionen mehr, sondern belastbare Geschäftsmodelle mit realen Kunden und Umsätzen.
Für viele KI-Firmen wird der Verkauf an strategische Investoren realistischer bleiben als der Börsengang. Wer jedoch Skalierung, Kostenkontrolle und Marktakzeptanz unter Beweis stellt, könnte 2026 tatsächlich vor dem wichtigsten Schritt der Unternehmensgeschichte stehen.




