Kurz vor der deutschen Umsetzung der neuen EU-Verbraucherkreditrichtlinie sorgt ein überraschender Vorstoß aus der SPD-Bundestagsfraktion für Unruhe in der E-Commerce-Branche. Ein Vorschlag, nach dem Verbraucher bei jeder Form von Zahlungsaufschub einen schriftlichen Post-Brief zur Risikoaufklärung abschicken müssten, trifft den Nerv der Onlinehändler – und könnte aus Sicht der Branche das Aus für den beliebten Rechnungskauf bedeuten.
Nach Informationen der WirtschaftsWoche plädiert die SPD dafür, dass Käufer bei Ratenkauf-Modellen und sogar beim klassischen Rechnungskauf schriftlich bestätigen, dass sie sich des finanziellen Risikos bewusst sind. Diese Bestätigung soll per Post versendet werden – inklusive Wartezeit, bevor ein Kauf überhaupt freigegeben wird.
Als Ziel nennen die Befürworter: Impulskäufe reduzieren und junge Konsumenten vor Überschuldung schützen.
Onlinehändler sehen darin jedoch einen realitätsfernen Eingriff. Der Branchenverband bevh warnt, dass solche Vorgaben „jede gängige Zahlungsart auf Eis legen“ würden. Auch große Händler wie Zalando und Otto kritisieren den Vorschlag scharf. Besonders für den Rechnungskauf, der bei deutschen Kunden klar dominiert, hätte die Maßnahme gravierende Folgen.
In der Praxis käme die neue Regel nicht nur für „Buy now, pay later“-Modelle zur Anwendung, sondern durch eine unklare Definition von Verbraucherkrediten auch für reine Rechnungskäufe. Genau diese Zahlungsart macht den Großteil des deutschen Onlinegeschäfts aus – etwa zwei Drittel der Zalando-Kunden zahlen so.
Die Begründung ist simpel: Verbraucher wollen Ware erst prüfen, bevor sie Geld überweisen. Eine postalische Bestätigung mit tagelanger Verzögerung würde das Kaufmodell jedoch faktisch unbrauchbar machen.
Zalando weist darauf hin, dass Konsumenten keineswegs wegen finanzieller Engpässe auf Rechnung kaufen, sondern wegen Vertrauen und Komfort. Die vorgeschlagene Regelung könnte viele Nutzer in weniger sichere Online-Zahlungswege treiben – ein unerwünschter Nebeneffekt im Sinne des Verbraucherschutzes.
Auch Otto betont die Absurdität eines Papierverfahrens im digitalen Handel: Ein physischer Brief unterbreche den gesamten Kaufprozess, erhöhe die Bürokratie und konterkariere das Ziel der Bundesregierung, Schriftformerfordernisse abzubauen. Dies spiele letztlich internationalen Kreditkartenanbietern in die Hände.
Die SPD verweist darauf, dass die Gespräche zur genauen Ausgestaltung der EU-Richtlinie noch laufen. Zwar erkenne man die Bedeutung des Rechnungskaufs an, jedoch sei der nationale Spielraum begrenzt. Ob Ausnahmen möglich sind, wird aktuell geprüft.
Der E-Commerce-Sektor sieht hingegen dramatische Folgen für Handel und Kunden. Nach Einschätzung vieler Unternehmen könnte der Rechnungskauf in seiner bisherigen Form de facto verschwinden – mit erheblichen Auswirkungen auf Conversion Rates, Wettbewerb und Kundensicherheit.




