LIVESo. 14. Juni, 11 Uhr — Michael enthüllt seine Top-Aktien

Nel ASA: Herausforderungen und Chancen im Wandel der Wasserstoffindustrie

Quelle: eulerpool

Der norwegische Wasserstoffpionier Nel ASA erlebt einen der schwierigsten Abschnitte seiner Unternehmensgeschichte. Der Auftragsbestand ist innerhalb eines Jahres um rund 50 Prozent eingebrochen, der Aktienkurs notiert weit unter früheren Höchstständen – und erstmals auch unter dem bilanziellen Eigenkapital. Für Investoren ist das ein klares Misstrauensvotum. 2026 wird zum Schicksalsjahr: Entweder die neue Elektrolyseur-Generation zündet – oder das Geschäftsmodell steht grundsätzlich infrage.

Die Bewertung spricht eine deutliche Sprache. Mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 0,87 traut der Markt Nel ASA aktuell nicht zu, mit dem vorhandenen Kapital eine angemessene Rendite zu erwirtschaften. Die Aktie hat seit dem Hoch aus dem Wasserstoff-Hype 2021 über 90 Prozent an Wert verloren und bewegt sich zuletzt nur noch in einer engen Handelsspanne um 2,2 norwegische Kronen.

Auch die Liquidität ist spürbar zurückgegangen: Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen hat sich gegenüber früheren Jahren mehr als halbiert. Institutionelle Investoren haben sich weitgehend zurückgezogen – ein Zeichen dafür, dass der Markt der strategischen Neuausrichtung bislang wenig zutraut.

Der zentrale Belastungsfaktor ist der Einbruch bei den Neubestellungen. Der Auftragsbestand liegt nur noch bei rund 984 Millionen Kronen und damit etwa 50 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für ein Projektgeschäft wie das von Nel bedeutet das fehlende Visibilität, geringere Auslastung und hohe operative Unsicherheit.

Wichtige Kennzahlen im Überblick:

Die schwache Nachfrage bleibt nicht folgenlos. Bereits Anfang 2025 trennte sich das Unternehmen von rund einem Fünftel der Belegschaft. Am traditionsreichen Standort Herøya wurde die Produktion bestimmter Elektrolyseur-Modelle zeitweise gestoppt. Selbst bei laufenden Projekten geht Nel inzwischen rigoroser vor und fordert Ausrüstung zurück, wenn Kunden ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen.

Einzelne Großaufträge – etwa ein Projekt im Volumen von mehr als 50 Millionen US-Dollar – konnten das Stimmungsbild nicht drehen. Am Kapitalmarkt gelten sie als Ausnahmen in einem insgesamt ausgetrockneten Investitionsumfeld für Wasserstoffinfrastruktur.

Strategisch steht Nel nun vor einer Alles-oder-nichts-Situation. Im Dezember 2025 gab der Vorstand grünes Licht für die Industrialisierung der neuen „Next Generation Pressurized Alkaline“-Technologie. Der Produktionsstart ist für das erste Halbjahr 2026 geplant, flankiert von Fördermitteln des EU-Innovationsfonds in dreistelliger Millionenhöhe.

Die neue Plattform soll die Kostenstruktur grundlegend verbessern: standardisierte Module in Containerbauweise, geringerer Flächenbedarf, schnellere Installation und bessere Skalierbarkeit. Vorstandschef Håkon Volldal verspricht, dass damit Wasserstoffprojekte auch ohne massive Subventionen wirtschaftlich darstellbar werden.

Trotz dieser technologischen Perspektive überwiegt an den Finanzmärkten die Vorsicht. Der Konsens der Analysten bewegt sich im Bereich „Verkaufen“ oder „Untergewichten“. Die Kursziele liegen teils nur knapp über dem aktuellen Niveau, teilweise sogar darunter. Optimistischere Stimmen sehen begrenztes Aufwärtspotenzial, warnen aber vor weiterem Vertrauensverlust, falls der Hochlauf der neuen Plattform verzögert wird.

Spätestens mit der Vorlage der Zahlen für das vierte Quartal 2025 Ende Februar wird sich zeigen, ob der Zeitplan für die Industrialisierung hält. Für Anleger steht mehr auf dem Spiel als nur die nächste Ergebnisrunde. Gelingt der Markteintritt der neuen Elektrolyseur-Generation nicht überzeugend, droht eine grundlegende Neubewertung der Überlebensfähigkeit von Nel ASA – und damit ein weiteres Kapitel im Niedergang einer einst gefeierten Wasserstoff-Ikone.