Europa spricht seit Jahren von strategischer Autonomie. Doch hinter den politischen Bekenntnissen klafft eine sicherheitspolitische Realität, die ernüchternder kaum sein könnte: Der Kontinent ist nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen – und wird es auf absehbare Zeit auch nicht sein. Das ist keine provokante These, sondern die nüchterne Analyse einer der profiliertesten Sicherheitsexpertinnen Europas.
Nach Einschätzung von Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, benötigt Europa mindestens fünf Jahre, um in zentralen militärischen Bereichen eigenständig handlungsfähig zu werden. In besonders komplexen Feldern wie Aufklärung, Überwachung und Satellitentechnologie könnte es sogar ein Jahrzehnt oder länger dauern.
Das Problem liegt nicht bei einzelnen Armeen, sondern in strukturellen Defiziten: Europa fehlen integrierte Luftverteidigungssysteme, strategischer Lufttransport, moderne Zielerfassung und umfassende Aufklärungskapazitäten. Fähigkeiten, die bislang fast vollständig von den USA bereitgestellt werden.
Besonders brisant ist Puglierins Diagnose vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Washington. Das bisherige Modell der NATO, in dem europäische Staaten den USA als verlässlichem Schutzgaranten folgten, sei „offensichtlich nicht mehr im Angebot“.
Die jüngsten Spannungen verdeutlichen das neue Machtgefüge: Das US-Luftverteidigungskommando entsandte zuletzt Flugzeuge nach Grönland – offiziell abgestimmt mit Dänemark, politisch jedoch hochsensibel. Gleichzeitig hatte Donald Trump erneut mit der Annexion der zum Nato-Partner Dänemark gehörenden Insel geliebäugelt. Für Europa ist das ein Warnsignal – strategisch wie psychologisch.
Puglierin formuliert die Alternative schonungslos: Entweder Europa lernt, sich selbst zu verteidigen, oder es ordnet sich dauerhaft einer Schutzmacht unter. „Es gibt nicht wirklich eine Alternative, außer wir dienen uns so an, dass wir eine Art Protektorat werden“, sagt sie.
Gerade für ein Europa, das geopolitisch ernst genommen werden will, ist das eine unbequeme Wahrheit. Wirtschaftliche Stärke allein ersetzt keine militärische Handlungsfähigkeit – schon gar nicht in einer Welt zunehmender Machtkonkurrenz.
Auch die Debatte über eine mögliche europäische Atombombe bewertet Puglierin skeptisch. Eine gemeinsame EU-Nuklearstreitmacht sei kein realistischer Ersatz für den atomaren Schutzschirm der USA. Ebenso problematisch wäre eine nationale Aufrüstung einzelner Länder.
Stattdessen plädiert sie für einen pragmatischen Ansatz: Frankreich und Großbritannien müssten stärker in eine gesamteuropäische Abschreckungsarchitektur eingebunden werden. Emmanuel Macron hatte bereits mehrfach ein europäisches atomares Schutzschild ins Gespräch gebracht – bislang ohne konkrete Umsetzung.
Deutschland selbst bleibt dabei in einer Zwischenrolle: keine eigene Atommacht, aber Teil der nuklearen Abschreckung, indem es im Ernstfall Kampfflugzeuge mit in Deutschland gelagerten US-Atombomben einsetzen würde. Doch genau dieses Arrangement steht zunehmend infrage.
Die sicherheitspolitische Lage offenbart ein strukturelles Versäumnis: Europa hat jahrzehntelang vom amerikanischen Schutz profitiert, ohne parallel eigene Fähigkeiten konsequent aufzubauen. Nun, da die Verlässlichkeit dieses Schutzes nicht mehr garantiert ist, wird der Preis dieser Bequemlichkeit sichtbar.
Strategische Autonomie ist kein politischer Slogan, sondern ein Projekt von Jahrzehnten – teuer, komplex und politisch unbequem. Doch die Alternative wäre, sicherheitspolitisch Zuschauer zu bleiben. In einer Welt, die immer weniger Rücksicht auf Schwäche nimmt, ist das ein Risiko, das Europa sich kaum leisten kann.



