In Rom ist mehr entstanden als diplomatische Routine. Bundeskanzler Friedrich Merz und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni haben bei den deutsch-italienischen Regierungskonsultationen den Anspruch formuliert, Europa strategisch neu auszurichten – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und migrationspolitisch. Was als bilaterales Treffen begann, entwickelt sich zur Keimzelle einer neuen Führungsachse im Zentrum der EU.
Giorgia Meloni machte in der gemeinsamen Pressekonferenz unmissverständlich klar, welchen Anspruch Rom und Berlin erheben: Als Gründungsmitglieder der Europäischen Union trügen Italien und Deutschland eine besondere Verantwortung, die aktuelle Krise Europas „in ein Fenster der Möglichkeiten zu verwandeln“.
Friedrich Merz sekundierte – und betonte die „persönlich sehr gute Zusammenarbeit“, die man nun in eine strukturierte europäische Agenda überführen wolle. Der Kanzler war nicht allein angereist: Außenminister Johann Wadephul, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer unterstrichen den strategischen Charakter der Konsultationen.
Im Zentrum steht die wirtschaftliche Erneuerung Europas. Für den EU-Wettbewerbsgipfel am 12. Februar haben Merz und Meloni ein gemeinsames Positionspapier vorgelegt. Die Kernforderungen:
Beide Regierungen sehen Europas Wohlstand durch regulatorische Überlastung und langsame Entscheidungsprozesse bedroht – und wollen sich als Treiber eines wirtschaftspolitischen Kurswechsels profilieren.
Auch sicherheitspolitisch wird die Kooperation vertieft. Ein von Verteidigungsminister Guido Crosetto und Boris Pistorius vorbereitetes Abkommen sieht eine engere Verzahnung der Rüstungsindustrien vor. Ziel ist es, die europäische Fragmentierung zu überwinden und gemeinsame Systeme voranzutreiben – bis hin zu einer integrierten Flug- und Raketenabwehr.
Damit positionieren sich Berlin und Rom als Motor einer europäischen Sicherheitsarchitektur, die weniger abhängig von den USA sein soll, ohne den transatlantischen Schulterschluss aufzugeben.
Parallel zu den politischen Gesprächen tagte in Rom ein deutsch-italienisches Wirtschaftsforum mit Spitzenvertretern aus Automobilindustrie, Energie, Verteidigung, Luft- und Raumfahrt sowie Infrastruktur. Die Botschaft: Industriepolitik wird wieder zur Chefsache.
Politisch haben Merz und Meloni in den vergangenen Wochen bereits gemeinsame Linien durchgesetzt:
Hinzu kommt die transatlantische Dimension. Beide Regierungen pflegen enge Beziehungen zu Washington – auch unter Präsident Donald Trump. In einer Phase, in der Frankreichs Präsident Macron innenpolitisch geschwächt ist, entsteht so ein neues Machtzentrum zwischen Berlin und Rom.
Für Merz ist Meloni mehr als eine Partnerin: Sie wird zur strategischen Alternative in Brüssel, falls Paris als Taktgeber ausfällt. Für Meloni wiederum ist die Allianz mit Deutschland der Beweis, dass Italien nicht länger Juniorpartner, sondern Mitgestalter der europäischen Ordnung ist.
Die persönliche Nähe – man duzt sich demonstrativ – ist dabei kein Nebendetail, sondern politisches Signal. Europa bekommt eine neue Achse. Nicht revolutionär, aber machtpolitisch hoch relevant.



