In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Das Bemerkenswerteste an den Metallen am Meeresboden ist nicht, wie viel dort liegt, sondern wem sie gehören. Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen gelten die Bodenschätze jenseits nationaler Hoheitsgewässer als gemeinsames Erbe der Menschheit. Das heißt: offiziell niemandem und damit allen. Wer das Recht hat, sie zu heben, ist keine technische Frage, sondern eine politische. Und sie wird gerade neu beantwortet.
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Eine Vorbemerkung zum Begriff, weil er in der Debatte oft verrutscht. Wenn von „seltenen Mineralien" in der Tiefsee die Rede ist, geht es meist um Manganknollen, kartoffelgroße Gesteinsbrocken auf dem Meeresboden, die vor allem Nickel, Kupfer, Mangan, Kobalt und Molybdän enthalten. Seltene Erden im engeren Sinn sind das nicht. Diese Unterscheidung wird noch wichtig.

1Die These
Die Tiefsee ist weniger ein Rohstoffthema als eine Machtfrage. Es geht darum, wer die Regeln für Räume schreibt, die keinem Staat gehören: ein internationales Verfahren, das seit Jahren an sich selbst scheitert, oder ein Staat, der sich auf sein eigenes Gesetz beruft. Der Rohstoff ist der Anlass, die Zuständigkeit ist der Streit. Und für Anleger liegt das Risiko in dieser Reihenfolge: erst das Recht, dann die Technik, dann der Preis.
2Erstens: Zwei Spuren, die nicht zusammenpassen
Auf der einen Spur steht die Internationale Meeresbodenbehörde ISA mit Sitz in Jamaika, die Genehmigungen für den Abbau erteilen soll, sobald ein Regelwerk steht, der sogenannte Mining Code. Der ist nach Berichten vom März 2026 weiter unfertig und umstritten, etwa bei Umweltschutz, Haftung, Kontrolle und der Verteilung der Erträge. Der Rat der Behörde billigte in der Sitzung keinen Abbau. Frankreich, Deutschland, Brasilien, Mexiko, Costa Rica, Palau und Südafrika für die afrikanische Gruppe verwiesen auf wissenschaftliche, ökologische und rechtliche Lücken. 40 Staaten unterstützen ein Moratorium.
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Auf der anderen Spur steht ein amerikanisches Gesetz aus dem Jahr 1980, der Deep Seabed Hard Mineral Resources Act. Die USA sind dem Seerechtsübereinkommen nicht beigetreten und fühlen sich der ISA nicht verpflichtet. Die Behörde NOAA bestätigte im August 2026, dass der Antrag von TMC USA, einer amerikanischen Tochter des Rohstoffunternehmens The Metals Company, die formalen Anforderungen erfüllt. Der Antrag betrifft eine Explorationslizenz und eine kommerzielle Abbaugenehmigung in der Clarion-Clipperton-Zone im Zentralpazifik. Die öffentliche Anhörung fand am 13. Oktober statt, die Kommentarfrist lief am 19. Oktober ab. Ein Termin für die Entscheidung ist nicht genannt. Nach einer Zertifizierung wäre noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig.
NOAA verweist ausdrücklich auf eine Verfügung der US-Regierung vom April 2025, die den Ausbau der Tiefseeförderung mit nationaler Sicherheit und Wirtschaftspolitik begründet. Das ist der Kern: Wo eine multilaterale Lösung stockt, entsteht eine nationale. Das Ergebnis sind zwei Rechtsordnungen für denselben Meeresboden.
3Zweitens: Der Rechtsstreit ist selbst ein Risikofaktor
Dass das nicht nur Theorie ist, zeigt ein Vorgang vom Juli 2026. Der Seegerichtshof, genauer dessen Kammer für Meeresbodenstreitigkeiten, entschied am 18. Juli einstimmig im Sinne von Nauru Ocean Resources, der Tochter von TMC, die über den Pazifikstaat Nauru als Sponsor an die ISA gebunden ist. Es ging um Untersuchungen der Behörde im Zusammenhang mit der Verlängerung des Explorationsvertrags. Zwei Tage später genehmigte der ISA-Rat die Verlängerung um fünf Jahre.
Für mich zeigt das etwas Nüchternes. Wer in dieses Feld investiert, wettet nicht nur auf Technik und Preise, sondern auf Verfahren, Zuständigkeiten und Gerichtsentscheidungen, die sich ändern können. Ein Unternehmen kann von einem Tag zum anderen im einen System legal und im anderen umstritten sein.
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4Drittens: Die Ressource ist groß, aber noch keine Reserve
Wie viel liegt unten? Der Geologische Dienst der USA, USGS, nennt eine „konservative Schätzung" von 21,1 Milliarden Tonnen trockener Manganknollen allein in der Clarion-Clipperton-Zone, dem größten bekannten Knollenfeld. Daraus leitet die Behörde ab, dass die Mengen mehrerer kritischer Metalle die bekannten Landreserven übersteigen. Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Angabe stützt sich auf eine einzige Schätzung ohne veröffentlichte Unsicherheitsspanne. Und: Gehoben wurde bisher nichts. Die Knollen liegen in 3.500 bis 6.000 Metern Tiefe. Zwischen Vorkommen und Förderung liegen Technik, Kosten und Genehmigungen, und jede dieser Stufen ist offen.
Eine Ressource wird erst durch Wirtschaftlichkeit zur Reserve. Das ist in Bergwerken an Land so, und es gilt auf dem Meeresboden erst recht.

5Das Argument der Befürworter
Fairerweise gehört auch die andere Seite hierher. Befürworter, darunter die amerikanische Regierung, sehen im Meeresboden eine Möglichkeit, die Versorgung mit kritischen Metallen breiter aufzustellen. NOAA-Chef Neil Jacobs sagte zum Antrag, die Behörde wolle „den globalen Standard für wissenschaftlich fundierten Tiefseebergbau" setzen. Der USGS rechnet in einem Szenario durch, dass Tiefseebergbau bis 2065 etwa 35 bis 45 Prozent des Bedarfs an kritischen Metallen decken könnte. Dieses Szenario unterstellt, dass die Branche den Weg der Offshore-Ölförderung geht. Es ist eine Rechnung unter Annahmen, keine Prognose. Dass sie überhaupt angestellt wird, zeigt, warum Regierungen das Thema ernst nehmen: Wer Alternativen zu bestehenden Lieferketten sucht, schaut auch dorthin, wo noch niemand gefördert hat.
6Viertens: Der Engpass sitzt nicht im Meer, sondern in der Raffinerie
Hier komme ich auf die Unterscheidung vom Anfang zurück. Die Internationale Energieagentur zeigt am Beispiel der Seltenen Erden, wo die eigentliche Macht liegt. China steuerte 2024 rund 60 Prozent der weltweiten Förderung der Magnet-Seltenen-Erden bei, aber 91 Prozent der raffinierten Menge und 94 Prozent der Dauermagnete. Die Konzentration wächst mit jeder Stufe der Verarbeitung. Außerhalb Chinas würden die vorhandenen und geplanten Kapazitäten 2035 nur etwa die Hälfte des Förderbedarfs, rund ein Viertel des Raffinationsbedarfs und deutlich weniger als ein Fünftel des Magnetbedarfs decken.
Ich übertrage das ausdrücklich nur als Muster: Nickel, Kobalt und Mangan aus Knollen sind etwas anderes als Seltene Erden, und ihre Märkte haben eigene Strukturen. Aber die Logik bleibt. Wer Erz aus der Tiefsee holt, hat noch kein Metall, das ein Batteriehersteller kauft. Dazwischen liegt die Verarbeitung, und die ist ein eigenes Machtfeld. Ein Land, das Rohstoffe selbst fördern will, braucht auch Raffinerien. Die Tiefsee löst damit das Problem der Abhängigkeit nicht allein, sie verschiebt es.
7Fünftens: Was das für Anleger bedeutet
Ich gebe keine Empfehlung, aber vier Prüffragen.
Wem gehört die Genehmigung? Ein Unternehmen ohne belastbare Rechtsgrundlage ist ein anderes Risiko als eines mit Lizenz. Wer finanziert die Zeit? Bis zum ersten Ertrag können Jahre vergehen, und die Frage ist, ob das Geld so lange reicht. Wo wird verarbeitet? Wer nur fördert, hängt von Dritten ab. Und: Wie reagieren die Abnehmer? Hersteller, die Wert auf ökologische Standards legen, könnten Metalle aus der Tiefsee meiden, solange die Umweltfragen ungeklärt sind. Wie stark dieser Effekt ist, kann ich nicht beurteilen.
Das Landgericht Regensburg wies die Klage der Verbraucherzentrale in wesentlichen Teilen ab – die vollständige Urteilsdokumentation ist öffentlich einsehbar. Eine unabhängige Einordnung bietet verbraucherzentrale.alleaktien.com.
8Fazit
Die Tiefsee wird zu einem Prüfstein dafür, wie die Welt mit Räumen umgeht, die keinem gehören. Ob es zu einem gemeinsamen Regelwerk kommt oder zu zwei konkurrierenden, entscheidet sich an Verfahren, nicht an Erzgehalten. Für Anleger folgt daraus die Reihenfolge, mit der ich solche Themen prüfe: erst die Rechtsgrundlage, dann die Technik, dann die Wirtschaftlichkeit. Wer sie umdreht, kauft eine Geschichte vom Meeresboden und bekommt womöglich einen Rechtsstreit.
