In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Eine Alterspyramide ist die ehrlichste Prognose, die es gibt. Wer im Jahr 2046 zwanzig Jahre alt wird, ist 2026 geboren. Das Jahr steht fest, die Zahl lässt sich zählen, und es gibt keine Rechenmodelle, die daran etwas ändern. Alles, was in Verteidigungsministerien über Armeen der Zukunft geschrieben wird, beginnt bei dieser Zeile.
Ich halte die Demografie deshalb für den unterschätzten Teil der Geopolitik. Nicht, weil sie alles erklärt, sondern weil sie langsam und sichtbar ist und trotzdem in Strategiepapieren oft erst auf Seite 40 auftaucht.

1Die These
Militärische Macht entsteht aus drei Dingen: Geld, Technik und Menschen. Die ersten beiden lassen sich kaufen, die dritte nur begrenzt. Ein Land, dessen Jahrgänge schrumpfen, hat weniger Menschen, die dienen können, mehr Menschen, die Renten und Pflege brauchen, und einen Staatshaushalt, der beides zugleich finanzieren muss. Die Alterspyramide entscheidet nicht allein über Macht, aber sie bestimmt den Spielraum, in dem alle anderen Entscheidungen fallen.
2Erstens: Soldaten sind Jahrgänge
Das deutlichste Beispiel liefert Südkorea. Nach einem Bericht des Verteidigungsministeriums, über den Medien im August 2025 berichteten, sank die Zahl der Soldaten von rund 690.000 in den frühen 2000er-Jahren auf 563.000 im Jahr 2019 und etwa 450.000 im Jahr 2025. Die Zahl der 20-jährigen Männer, die typische Altersgruppe für den Dienst, ging zwischen 2019 und 2025 um 30 Prozent auf 230.000 zurück. Die Geburtenrate lag 2024 bei 0,75, ein Rekordtief. Das Ministerium warnte vor Engpässen bei Offizieren und möglichen Problemen im Einsatz, wenn der Trend anhält. Es fehlen demnach rund 50.000 Soldaten zum Soll, darunter 21.000 Unteroffiziere.
Südkorea liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nordkorea. Gerade dort zeigt sich, dass auch ein Staat mit Wehrpflicht und hohem Verteidigungsbudget, mehr als 61 Billionen Won im Jahr 2025, Jahrgänge nicht herbeiverhandeln kann.
3Zweitens: Geld ersetzt Menschen nur begrenzt
Japan zeigt die andere Seite. Das Land will die Verteidigungsausgaben bis Ende des Haushaltsjahres 2027 auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung erhöhen. Aber nach Angaben des Verteidigungsministeriums, über die Medien im September 2025 berichteten, wollten die Selbstverteidigungsstreitkräfte 2023 knapp 20.000 Menschen einstellen und fanden nur etwa die Hälfte. Rund zehn Prozent der 250.000 Stellen sind unbesetzt. Der damalige Ministerpräsident Shigeru Ishiba nannte eine höhere Truppenstärke im Juni 2025 eine Priorität.
Dazu kommt eine Frage, die kein Haushalt beantwortet: der Wille. In einer Umfrage von Gallup International von 2024 sagten neun Prozent der Befragten in Japan, sie würden für ihr Land kämpfen, in Südkorea waren es 46 und in den USA 41 Prozent. Umfragen sind keine Messinstrumente für Kriegsbereitschaft, aber der Abstand ist groß genug, um ihn ernst zu nehmen.
4Drittens: Staaten kompensieren, und das hat Grenzen
Was tun Staaten, wenn die Jahrgänge fehlen? Sie verkürzen die Dienstzeit, bezahlen besser, investieren in Technik und holen sich Verbündete. Südkorea senkte die Dauer des Wehrdienstes von 36 auf 18 Monate. Die Begründung nennt unter anderem bessere militärische Fähigkeiten, eine starke Rüstungsindustrie und das Bündnis mit den USA. Das ist rational, es heißt aber auch: Jeder Soldat soll mehr leisten, und das Land verlässt sich stärker auf Systeme, die Geld und Zeit zum Aufbau brauchen, und auf Partner, die nicht in jedem Szenario zur Verfügung stehen.
Technik kann Menschen ersetzen, aber nicht alle Funktionen und nicht schnell. Ob sich Alterung militärisch kompensieren lässt, hängt davon ab, wie rasch Staaten Automatisierung einsetzen können, und das ist offen.
5Viertens: Demokratien können Jahrgänge nicht einfach verpflichten
Deutschland steht vor derselben Rechnung, mit eigenen Mitteln. Nach Zahlen zum Stand April 2026 hat die Bundeswehr 185.919 Soldatinnen und Soldaten, 9.087 davon im freiwilligen Wehrdienst. Das Ziel sind rund 260.000 aktive Soldaten bis Mitte der 2030er-Jahre. Das Verfahren beginnt mit einem Fragebogen an alle 18-jährigen Männer. Bis Ende Mai verschickte die Bundeswehr 243.500 Bögen, für 2026 sind 650.000 geplant. Rund 86 Prozent kamen innerhalb von vier Wochen zurück. Sollte das Ziel über Freiwilligkeit nicht erreicht werden, könnte die Wehrpflicht wieder eingeführt werden.
Was dabei auffällt: Die Frage ist nicht allein, wie viele Menschen es gibt, sondern wie viele sich gewinnen lassen und zu welchen Bedingungen. Das hängt an Löhnen, am Ansehen, am Arbeitsmarkt. Ein Land, in dem Fachkräfte ohnehin knapp sind, konkurriert mit seiner eigenen Wirtschaft um dieselben Jahrgänge.
6Der Einwand: Zählt Masse heute überhaupt noch?
Ein Einwand liegt nahe, und ich nehme ihn ernst. Moderne Armeen setzen auf Technik, Vernetzung und Präzision, und manche Aufgaben, die früher viele Soldaten banden, übernehmen heute Maschinen. Wer das Argument zu Ende denkt, kommt zu dem Schluss, dass Demografie an Bedeutung verliert. Ich halte das für nur zur Hälfte richtig. Technik braucht Menschen, die sie bauen, warten und bedienen, und gerade diese Fachkräfte sind in alternden Gesellschaften knapp. Technik senkt den Bedarf an Menschen, sie beseitigt ihn nicht. Und sie kostet Geld, das in einer älter werdenden Gesellschaft mit Rentenausgaben konkurriert.
Der Einwand ändert damit die Fragestellung, nicht die Richtung. Es geht weniger darum, wie viele Soldaten ein Land hat, als darum, wie viele qualifizierte Menschen es für Armee und Wirtschaft zugleich findet.
7Fünftens: Die Rechnung gilt für alle, auch für China
Chinas Bevölkerung schrumpfte 2025 nach amtlichen Angaben um 3,39 Millionen auf 1,405 Milliarden. Es wurden 7,92 Millionen Kinder geboren, nach 9,54 Millionen im Jahr 2024, bei 11,31 Millionen Todesfällen. Das ist das vierte Jahr in Folge mit Rückgang. Die Jahrgänge, die 2045 volljährig werden, sind die von heute. Ich ziehe daraus keinen Schluss über die Schlagkraft der chinesischen Armee, denn darüber liegen mir keine belastbaren Angaben vor. Der Punkt ist ein anderer: Die Demografie verschont keine Großmacht. Sie trifft Länder mit unterschiedlichem Tempo, nicht mit unterschiedlicher Richtung.
8Was das für Anleger bedeutet
Ich ziehe daraus keine Empfehlung, aber eine Denkrichtung. Alterung wirkt in zwei Richtungen zugleich auf Staatshaushalte: höhere Ausgaben für Renten und Gesundheit, höhere Ausgaben für Verteidigung. Wie Länder diese Konkurrenz um Mittel lösen, bestimmt Steuern, Schulden und Schwerpunkte der Politik. Daraus ergeben sich Fragen für jedes Land und jedes Unternehmen in einer Branche, die davon abhängt: Wer profitiert von Automatisierung? Wo wird knappes Personal zum Kostenfaktor? Welche Aufträge sind langfristig gesichert?
Die Antworten sind je nach Unternehmen verschieden. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen berechenbar sind. Die Jahrgänge, die in 20 Jahren zählen, sind heute geboren.
9Fazit
Alterspyramiden entscheiden nicht allein über militärische Macht, aber sie entscheiden darüber mit, wie viel Spielraum ein Staat hat, wenn er Entscheidungen treffen muss. Sie sind langsam, aber verlässlich, und sie lassen sich nicht ersetzen, nur kompensieren. Wer geopolitische Stärke beurteilen will, sollte deshalb nicht nur auf Budgets und Waffensysteme schauen, sondern auch auf die Geburtenzahl von vor zwanzig Jahren. Das ist weniger spektakulär als eine Rüstungsmeldung und oft aufschlussreicher.
