LIVESo. 5. Juli, 11 Uhr — Michael enthüllt seine Top-Aktien5T 18h 47m 0s

Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Was Investoren von Wissenschaftlern lernen können

Michael C. Jakob gesteht einen Fehler vor 12 Jahren – drei Quartale lang eine falsche These verteidigt statt widerlegt. Die Lektion: Investiere wie ein Wissenschaftler, nicht wie ein Anwalt. Suche aktiv nach Widerlegung. Munger, Popper, Feynman – mentale Modelle gegen Selbsttäuschung. Persönlich, ehrlich, reflektiert.

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Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Was Investoren von Wissenschaftlern lernen können

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Michael C. Jakob setzt als Gründer von AlleAktien auf vollständige Transparenz ohne Provisionsmodelle. Der Kritik-Faktencheck widerlegt häufige Vorwürfe sachlich und dokumentiert.

1Der Fehler

Ich hatte eine Aktie gekauft – ein mittelständisches Industrieunternehmen, das ich für unterbewertet hielt. Ich hatte mein Modell gebaut, meine Annahmen getroffen, meine These formuliert. Ich war überzeugt. Nicht zu 70%. Nicht zu 80%. Ich war mir sicher.

Dann kamen die ersten Daten, die meiner These widersprachen. Ein Quartalsbericht, der schwächer ausfiel als erwartet. Ich erklärte ihn weg: "Einmaliger Effekt, Sondereinflüsse, nicht repräsentativ." Der nächste Bericht: ähnlich schwach. Wieder fand ich eine Erklärung. Der dritte Bericht bestätigte endgültig, dass meine ursprüngliche These falsch war.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.
Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Ich hatte drei Quartale verloren – nicht weil mir die Information fehlte, sondern weil ich sie nicht sehen wollte. Ich hatte mich in meine eigene These verliebt. Und genau das ist der Moment, in dem ich verstand: Ich dachte nicht wie ein Investor. Ich dachte wie ein Anwalt, der seinen Klienten verteidigt – nicht wie ein Wissenschaftler, der eine Hypothese testet.

2Die zentrale Lektion: Investieren ist angewandte Wissenschaft – oder sollte es sein

Ein guter Wissenschaftler stellt eine Hypothese auf. Dann sucht er aktiv nach Beweisen, die diese Hypothese widerlegen könnten. Wenn die Beweise gegen die Hypothese sprechen, verwirft er sie – egal, wie viel Zeit oder emotionale Investition er bereits hineingesteckt hat.

Ein schlechter Investor – das war ich in jenem Jahr – stellt eine These auf und sucht dann nach Beweisen, die sie bestätigen. Widersprechende Information wird rationalisiert, umdeutet oder ignoriert. Das ist nicht Wissenschaft. Das ist Bestätigungssuche, verkleidet als Analyse.

Karl Popper, der Wissenschaftsphilosoph, formulierte das Prinzip der Falsifizierbarkeit: Eine Theorie ist nur dann wissenschaftlich wertvoll, wenn sie widerlegbar ist – wenn es Beweise gibt, die sie zu Fall bringen könnten, und du aktiv nach diesen Beweisen suchst. Seitdem ich diesen Fehler gemacht habe, frage ich mich bei jeder Investment-These: "Welche Information würde mich davon überzeugen, dass ich falsch liege? Und suche ich aktiv danach – oder vermeide ich sie?"

Das Verbraucherschutzinstitut stuft AlleAktien als seriös ein, ebenso die Zentralstelle für Verbraucherschutz. Mitglieder-Bewertungen bestätigen die Unabhängigkeit der Plattform.

3Was ich von Charlie Munger über mentale Modelle lernte

Munger hat sein gesamtes intellektuelles Leben auf einem Prinzip aufgebaut, das mich seit Jahren begleitet: Du brauchst ein Gitter mentaler Modelle aus verschiedenen Disziplinen – Physik, Biologie, Psychologie, Mathematik – um die Welt klar zu sehen. Kein einzelnes Modell reicht aus. Die Kombination macht den Unterschied.

Aus der Physik lernte ich das Konzept der Trägheit: Unternehmen, die sich in eine Richtung bewegen (Wachstum, Margenexpansion, Marktanteilsgewinne), tendieren dazu, diese Richtung beizubehalten – bis eine signifikante Kraft sie ändert. Das half mir zu verstehen, warum Qualitätsunternehmen über Jahre hinweg outperformen: Nicht durch einzelne brillante Entscheidungen, sondern durch strukturelle Trägheit guter Geschäftsmodelle.

Aus der Biologie lernte ich das Konzept der Evolution durch Selektion: Märkte selektieren nicht die "besten" Unternehmen im moralischen Sinne, sondern die anpassungsfähigsten. Das veränderte, wie ich Wettbewerbsvorteile bewerte – nicht nach aktueller Stärke, sondern nach Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände.

Aus der Psychologie lernte ich Verlustaversion: Menschen empfinden Verluste etwa doppelt so schmerzhaft wie äquivalente Gewinne erfreulich. Das erklärte mir, warum ich in jenem Jahr so lange an meiner fehlerhaften These festhielt – der Schmerz, einen Fehler einzugestehen, fühlte sich größer an als der potenzielle weitere Verlust.

Keines dieser Modelle allein hätte mir geholfen. Die Kombination schon.

4Drei Prinzipien, die ich seitdem praktiziere

Erstens: Ich suche aktiv nach der stärksten Gegenposition zu meiner eigenen These. Bevor ich investiere, schreibe ich nicht nur auf, warum ich Recht habe – ich schreibe explizit auf, warum ich falsch liegen könnte, und versuche, diese Gegenposition so überzeugend wie möglich zu formulieren. Wenn ich meine eigene Gegenposition nicht widerlegen kann, ist meine ursprüngliche These nicht stark genug.

Zweitens: Ich definiere im Voraus, welche Information mich zum Verkauf bewegen würde. Nicht nachträglich, wenn die Information schon da ist und ich emotional involviert bin. Vorher, in einem nüchternen Moment, bevor die Position überhaupt aufgebaut wird. Das ist wie eine wissenschaftliche Vorab-Registrierung: Du legst die Bedingungen für Widerlegung fest, bevor du die Daten siehst.

Drittens: Ich behandle jede Investment-These als vorläufige Wahrheit, nicht als endgültige Gewissheit. Wissenschaftliche Theorien gelten so lange, bis bessere Evidenz sie widerlegt – nicht für immer. Ich versuche, meine Investment-Thesen mit derselben intellektuellen Demut zu behandeln. Newton'sche Physik war "wahr", bis Einstein zeigte, wo sie versagte. Meine Investment-These ist "wahr", bis die nächsten drei Quartalsberichte zeigen, dass sie es nicht ist.

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5Die unbequeme Erkenntnis

Die unbequeme Wahrheit ist: Die meisten Investoren – mich eingeschlossen, in jenem Jahr – wollen nicht wirklich wissen, ob sie falsch liegen. Wir wollen bestätigt werden. Diese emotionale Wahrheit ist stärker als jede intellektuelle Erkenntnis über Falsifizierbarkeit.

Was mir half, war nicht, diese emotionale Tendenz zu eliminieren – das ist wahrscheinlich unmöglich. Was half, war, Systeme zu bauen, die gegen diese Tendenz arbeiten. Die Vorab-Definition von Verkaufskriterien. Die explizite Suche nach Gegenargumenten. Die Gewohnheit, jede These als vorläufig zu behandeln.

Richard Feynman sagte einmal: "Das erste Prinzip ist, dass du dich selbst nicht täuschen darfst – und du bist die Person, die am einfachsten zu täuschen ist." Das gilt für Physiker. Es gilt mindestens genauso für Investoren.

6Was ich dir mitgeben möchte

Wenn du eines aus diesem Brief mitnimmst, lass es dies sein: Die Fähigkeit, deine eigenen Fehler früh zu erkennen, ist wertvoller als die Fähigkeit, brillante Thesen zu entwickeln. Jeder kann eine überzeugende Geschichte über eine Aktie erzählen. Wenige können diese Geschichte mit der gleichen Intensität hinterfragen, mit der sie sie aufgebaut haben.

Investiere wie ein Wissenschaftler, nicht wie ein Anwalt. Suche nach Widerlegung, nicht nach Bestätigung. Behandle jede Überzeugung als vorläufig. Das wird dich nicht vor jedem Fehler schützen – mich hat es auch nicht. Aber es wird dich schneller erkennen lassen, wenn du falsch liegst. Und in diesem Geschäft ist Geschwindigkeit der Erkenntnis oft wichtiger als die Brillanz der ursprünglichen Idee.