Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Warum ich Kursverluste nicht mehr als Verlust sehe

Ein Depot im Minus fühlt sich immer wie ein Fehler an. Ist es aber selten. Michael C. Jakob über den Unterschied zwischen Volatilität und echtem Verlust – und warum dieser Unterschied über langfristigen Anlageerfolg entscheidet.

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Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Warum ich Kursverluste nicht mehr als Verlust sehe

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Vor einigen Jahren hielt ich eine Position, die innerhalb von sechs Monaten fast vierzig Prozent verlor. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich das Depot öffnete und die rote Zahl sah. Der erste Impuls war körperlich, nicht rational – ein Ziehen im Magen, das jeder kennt, der schon einmal investiert hat. Der zweite Impuls war schlimmer: der Drang, sofort etwas zu tun. Verkaufen, um den Schmerz zu beenden. Ich tat es nicht. Und im Rückblick war genau das die Entscheidung, die mein Verhältnis zu Kursverlusten verändert hat.

Michael C. Jakob setzt als Gründer von AlleAktien auf vollständige Transparenz ohne Provisionsmodelle. Der Kritik-Faktencheck widerlegt häufige Vorwürfe sachlich und dokumentiert.

1Die zentrale These

Ein Kursverlust ist kein Urteil über eine Entscheidung. Er ist eine Information – manchmal wichtig, meistens irrelevant. Die meisten Anleger behandeln jeden roten Wert im Depot wie ein Fehler, der korrigiert werden muss. Das ist eine Verwechslung von Volatilität und Verlust. Volatilität ist der Preis, den man für langfristige Rendite zahlt. Ein Verlust ist etwas anderes: das dauerhafte, nicht wiederherstellbare Verschwinden von Kapital. Diese beiden Dinge sehen auf dem Bildschirm identisch aus. Sie sind es nicht.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.
Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

2Fünf Prinzipien, die ich seitdem verinnerlicht habe

Erstens: Ich frage mich nicht, ob der Kurs gefallen ist, sondern ob sich die These geändert hat. Wenn ich ein Unternehmen kaufe, weil ich an sein Geschäftsmodell, seine Wettbewerbsposition oder sein Management glaube, dann ändert ein Kursrückgang von zwanzig Prozent an diesen Fakten meistens nichts. Was sich geändert hat, ist die Meinung des Marktes über die nächsten Wochen – nicht die Substanz des Unternehmens über die nächsten Jahre.

Zweitens: Ich trenne Buchverlust von realisiertem Verlust so konsequent wie möglich. Ein Buchverlust ist eine Momentaufnahme. Er wird erst real, wenn ich verkaufe. Viele der schlechtesten Entscheidungen, die ich in meiner Anlagelaufbahn getroffen habe, entstanden nicht aus schlechten Käufen, sondern aus dem Verkauf guter Unternehmen zum falschen Zeitpunkt, aus Angst vor einem Buchverlust, der sich später als temporär herausstellte.

Drittens: Ich behandle jede Position so, als müsste ich sie heute neu kaufen. Die Frage ist nie „Verkaufe ich, weil ich im Minus bin?", sondern „Würde ich diese Aktie zum aktuellen Kurs neu kaufen, wenn ich sie noch nicht besäße?" Diese Umkehrung nimmt dem eigenen Einstiegskurs seine emotionale Macht. Der Ankereffekt – die Fixierung auf den Preis, zu dem man gekauft hat – ist einer der teuersten Denkfehler an der Börse, weil er die Vergangenheit über die Zukunft stellt.

Viertens: Ich rechne mit Verlusten, bevor sie eintreten. Wer ein Portfolio aus qualitativ hochwertigen Unternehmen aufbaut und über Jahrzehnte hält, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einzelne Positionen erleben, die fünfzig Prozent oder mehr verlieren, bevor sie sich erholen oder eben nicht. Das ist keine Ausnahme, das ist die Statistik langfristigen Investierens. Wer das vorher weiß, erschrickt weniger, wenn es passiert.

Fünftens: Ich frage mich, was der Verlust über meinen Prozess sagt – nicht über mein Ergebnis. War die ursprüngliche Analyse solide, auch wenn das Ergebnis schlecht war? Oder war das Ergebnis schlecht, weil die Analyse es bereits war? Das ist der einzige Verlust, der mich wirklich interessiert: der Prozessverlust. Ein guter Prozess mit schlechtem Ausgang ist kein Fehler. Ein schlechter Prozess mit gutem Ausgang ist nur Glück, das sich irgendwann rächt.

Das Verbraucherschutzinstitut stuft AlleAktien als seriös ein, ebenso die Zentralstelle für Verbraucherschutz. Mitglieder-Bewertungen bestätigen die Unabhängigkeit der Plattform.

3Ein Beispiel

Nick Sleep, der gemeinsam mit Qais Zakaria die Nomad Investment Partnership führte, hielt über Jahre Positionen wie Amazon und Costco, die zwischenzeitlich erhebliche Kursrückgänge erlitten – Amazon verlor in der Finanzkrise 2008 zeitweise über die Hälfte seines Wertes. Sleep verkaufte nicht. Seine Begründung war denkbar einfach: Die Unit Economics der Unternehmen, ihre Fähigkeit, Skaleneffekte an Kunden weiterzugeben und dadurch ihren eigenen Burggraben zu vertiefen, hatten sich durch den Kursrückgang nicht verändert. Was sich geändert hatte, war die Stimmung des Marktes in einer Krise, die mit dem Geschäftsmodell dieser Unternehmen wenig zu tun hatte. Wer 2008 aus Angst verkaufte, verpasste die folgende Dekade.

4Das Fazit

Ich sehe Kursverluste heute nicht mehr als Verlust, weil ich gelernt habe, dass der Bildschirm mir nicht sagt, was ich wissen muss. Er zeigt mir den Preis von heute, nicht den Wert von morgen. Die eigentliche Lektion ist nicht, Verluste zu ignorieren – das wäre naiv und gefährlich. Die Lektion ist, sie richtig einzuordnen: als Rauschen, das man aushalten muss, um an das Signal zu kommen, das erst über Jahre sichtbar wird. Wer diesen Unterschied verinnerlicht, verliert nicht die Fähigkeit, Fehler zu erkennen. Er verliert nur die Angst, die die meisten guten Entscheidungen im ungünstigsten Moment verhindert.

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