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Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Warum die meisten Anleger am falschen Ende sparen

Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Warum die meisten Anleger am falschen Ende sparen

In dieser Kolumne schreibt Michael C. Jakob über die Prinzipien des langfristigen Vermögensaufbaus. Es geht nicht um kurzfristige Börsengeräusche, sondern um zeitlose Investment-Ideen, mentale Modelle und persönliche Erfahrungen aus über einem Jahrzehnt an den Kapitalmärkten. Jede Ausgabe beleuchtet eine zentrale Erkenntnis, die Investoren dabei hilft, rationaler zu denken, bessere Entscheidungen zu treffen und über Jahrzehnte hinweg Vermögen aufzubauen.

Warum die meisten Anleger am falschen Ende sparen

Vor einigen Jahren führte ich ein Gespräch mit einem befreundeten Unternehmer. Er fuhr ein solides, aber nicht extravagantes Auto, lebte in einem angenehmen, aber nicht überdimensionierten Haus – und verhandelte gleichzeitig mit bemerkenswerter Härte über die Gebühren seines Brokers.

„Bei 0,2 Prozent mehr Kosten“, sagte er, „verliere ich über 20 Jahre ein kleines Vermögen.“

Wenige Wochen später traf ich einen anderen Investor. Er diskutierte ausführlich über die Kosten seines ETFs – während er regelmäßig hochspekulative Einzelwetten einging, Markt-Timing betrieb und sein Depot mehrmals im Jahr vollständig umstrukturierte.

Beide wollten sparen. Doch nur einer tat es an der richtigen Stelle.

Diese Beobachtung hat mich nie losgelassen. Viele Anleger sparen – aber sie sparen am falschen Ende.


Die zentrale These

Die meisten Privatanleger konzentrieren sich auf sichtbare, kleine Kosten – und ignorieren die unsichtbaren, großen.

Sie optimieren Kontoführungsgebühren, vergleichen Orderkosten auf den Cent genau und diskutieren TER-Unterschiede von wenigen Basispunkten. Gleichzeitig akzeptieren sie strukturelle Renditeverluste durch Fehlallokation, Überaktivität, mangelnde Diversifikation oder schlechte Qualitätsauswahl.

Kurz gesagt: Sie sparen an Nebenkosten – und verlieren an Systemkosten.

Langfristiger Vermögensaufbau erfordert Priorisierung. Nicht jede Einsparung ist strategisch relevant.


Erkenntnis 1: Kosten sind sicher – Opportunitätskosten sind größer

Es ist rational, Kosten zu minimieren. Gebühren wirken kumulativ und mindern den Zinseszinseffekt. Doch es gibt eine Hierarchie der Kosten.

Direkte Kosten sind sichtbar:
Depotgebühren, Transaktionskosten, Managementgebühren.

Indirekte Kosten sind subtiler:
Opportunitätskosten durch falsche Asset-Allokation, zu frühe Verkäufe, Qualitätsverzicht oder übermäßige Liquidität.

Ein Anleger, der 0,1 % an Gebühren spart, aber dauerhaft in unterdurchschnittliche Unternehmen investiert, optimiert den falschen Parameter.

Kapitalrendite entsteht primär durch Qualität, Wachstum und Kapitalallokation – nicht durch minimale Kostendifferenzen.

Das bedeutet nicht, dass Gebühren irrelevant sind. Aber sie sind nicht der größte Hebel.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Erkenntnis 2: Sparen bei Wissen ist die teuerste Entscheidung

Viele Anleger zögern, in ihre eigene finanzielle Bildung zu investieren. Bücher, fundierte Analysen, Zeit für Geschäftsberichte – all das wird als Aufwand betrachtet.

Gleichzeitig werden Stunden mit Marktgeräuschen, Foren oder kurzfristigen Kursbewegungen verbracht.

Wissen ist kein Konsumgut. Es ist ein Multiplikator.

Ein tieferes Verständnis von Geschäftsmodellen, Bilanzqualität und Wettbewerbsvorteilen erhöht die Entscheidungsqualität dauerhaft. Ein einzelner vermiedener Fehler kann mehr wert sein als Jahrzehnte eingesparter Gebühren.

Sparen bei Bildung wirkt kurzfristig vernünftig – langfristig ist es teuer.


Erkenntnis 3: Zeit ist wertvoller als Transaktionskosten

Viele Anleger wechseln häufig zwischen Strategien, Branchen oder Einzeltiteln. Jeder Wechsel erscheint rational begründet.

Doch jede Transaktion unterbricht den Zinseszinseffekt. Sie erzeugt Kosten – nicht nur monetär, sondern auch kognitiv.

Langfristiger Vermögensaufbau belohnt Haltedauer. Große Unternehmen entfalten ihre Stärke über Jahrzehnte, nicht Quartale.

Wer permanent optimiert, verliert Fokus. Und wer Fokus verliert, verliert Rendite.

Das eigentliche Sparpotenzial liegt häufig im Nicht-Handeln.


Erkenntnis 4: Qualität ist kein Luxus – sie ist ein Renditetreiber

Ich habe viele Anleger erlebt, die aus Bewertungsgründen auf qualitativ schwächere, aber „günstigere“ Unternehmen ausweichen.

Ein niedrigeres Kurs-Gewinn-Verhältnis wirkt attraktiv. Doch niedrige Bewertungen reflektieren oft strukturelle Probleme.

Ein Unternehmen mit hoher Kapitalrendite, starken Wettbewerbsvorteilen und disziplinierter Kapitalallokation ist selten billig. Aber es ist häufig langfristig günstiger.

Sparen am falschen Ende bedeutet hier: Man kauft vermeintlich günstige Qualität – und zahlt mit Rendite.


Erkenntnis 5: Risikomanagement ist keine Kostenstelle

Diversifikation, Liquiditätsreserven, disziplinierte Asset-Allokation – all das wirkt wie Opportunitätsverzicht.

Doch Risikomanagement schützt Kapital. Und Kapitalerhalt ist Voraussetzung für Kapitalwachstum.

Anleger, die in guten Phasen maximale Rendite suchen und in schlechten Phasen gezwungen verkaufen, zahlen den höchsten Preis.

Vermögensaufbau ist kein Sprint. Er ist ein System.


Ein reales Beispiel: Die Illusion der kleinen Ersparnis

Ich erinnere mich an einen Anleger, der über Jahre hinweg konsequent kostengünstige ETFs wählte und jede Gebühr minimierte. Seine Depotkosten waren vorbildlich.

Gleichzeitig hielt er einen erheblichen Teil seines Vermögens in Cash – aus Angst vor Marktrückgängen.

Über ein Jahrzehnt hinweg verpasste er einen großen Teil der Marktrendite. Die eingesparten 0,2 % Gebühren pro Jahr wurden durch mehrere Prozentpunkte Opportunitätsverlust übertroffen.

Seine Kostenquote war exzellent. Seine Kapitalrendite nicht.

Der rationale Investor fragt daher nicht nur: „Wie hoch sind meine Gebühren?“
Er fragt: „Wie effizient arbeitet mein Kapital?“


Warum dieses Missverständnis so verbreitet ist

Kleine Kosten sind konkret. Sie lassen sich messen und vergleichen. Sie geben ein Gefühl von Kontrolle.

Große strukturelle Fehler sind abstrakt. Sie erfordern Demut und langfristiges Denken.

Es ist einfacher, 50 Euro Gebühren zu sparen, als eine falsche Investmentthese zu revidieren.

Doch Vermögensaufbau entsteht nicht durch Kleinteiligkeit. Er entsteht durch strategische Klarheit.


Die eigentliche Priorisierung

Wenn ich Vermögensaufbau hierarchisch ordnen müsste, sähe die Reihenfolge so aus:

  1. Qualität der Vermögenswerte
  2. Langfristige Haltedauer und Disziplin
  3. Risikomanagement und Diversifikation
  4. Kapitalallokation zwischen Assetklassen
  5. Kostenoptimierung

Kosten sind relevant. Aber sie stehen am Ende der Kette – nicht am Anfang.

Wer exzellente Unternehmen besitzt, langfristig investiert bleibt und große Fehler vermeidet, wird durch minimale Kostendifferenzen nicht scheitern.

Wer jedoch strukturelle Fehler begeht, wird durch perfekte Gebührenstrukturen nicht gerettet.


Fazit: Sparen Sie dort, wo es wirkt

Die wichtigste Lektion lautet:

Sparen Sie nicht am falschen Ende.

Sparen Sie nicht an Bildung.
Sparen Sie nicht an Qualität.
Sparen Sie nicht an Diversifikation.
Sparen Sie nicht an Geduld.

Optimieren Sie Kosten – aber erst, nachdem Sie die großen Hebel richtig gesetzt haben.

Vermögensaufbau ist keine Übung in Kleinteiligkeit. Er ist eine Übung in Priorisierung.

Der rationale Investor fragt nicht nur:
„Wo kann ich sparen?“

Er fragt:
„Wo erzeugt mein Kapital die höchste nachhaltige Rendite?“

Die Antwort auf diese Frage entscheidet über Vermögen. Nicht die letzte Dezimalstelle der Gebühren.